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dem Tode rettete.¹) Mit wenigen Ausnahmen wurden sämtliche Teilnehmer der Verschwörung, auch Messalina, mit dem Tode bestraft. Es spricht aber für die Hochherzigkeit des Kaisers, daß die beiden Prätorianerpräfekten, obwohl sich der eine von ihnen verdächtig gemacht hatte, auch weiterhin in ihrer Stellung verblieben.
Ob ich mit der Darstellung des Sturzes der Messalina das Richtige getroffen habe, kann ich natürlich nicht mit Sicherheit behaupten, aber so vviel läßt sich doch erkennen— und das wollte ich eben zeigen—, daß Claudius Sich nur sehr schwer und nur aus triftigen Gründen gegen jemand, dem er Ssein Vertrauen geschenkt, einnehmen ließ.
Dieselbe Wahrnehmung kann man aber auch noch bei anderen Gelegenheiten machen. Als Agrippina nach Beseitigung ihrer Gegnerin an deren Stelle getreten war, war es erst recht ihr Bestreben unter Verdrängung des Britannicus ihrem Sohn den Weg zum Throne zu bahnen. Es gelang ihr auch, diesen erst zum Adoptivsohn des Claudius, dann zu seinem Fidam zu erheben und zwischen dem Kaiser und Britannicus Mißtrauen zu säen, dies aber nur mit unend- licher Mühe undunter Anwendung der verwerflichsten Mittel. Um die Adop- tion durchzusetzen, versicherte sie sich der Hilfe des Freigelassenen Pallas, der bei Claudius neben Narcissus in hohem Ansehen stand, und gewann Senatoren, Soldaten und Leute aus dem Volke, die bei gegebenen Gelegenheiten unter lautem Zuruf die Adoption von dem Kaiser verlangen mußten.²) Um die Verlobung ihres Sohnes Domitius oder, wie er von nun an hieß, Nero, mit der Prinzessin Oetavia zu ermöglichen, stürzte sie mit Beihilfe des L. Vitellius deren bisherigen Bräutigam L. Silanus durch die frivole Beschuldigung unerlaubter Liebe zu seiner Schwester Junia Cal-
¹) Merkwürdig— und das könnte gegen die oben versuchte Deutung einer ernsthaften Verschwö- rung sprechen,— ist allerdings der Umstand, daß wir nicht den Namen dessen erfahren, der es übernommen hatte, den Kaiser zu töten. Indessen kommen auch sonst im Leben wunderbare Zufälle vor. Vielleicht war der zu dieser Tat Ausersehene ein Mann, dem man bei seinem freundschaftlichen Verhältnis zu dem Kaiser etwas derartiges gar nicht zutraute. Ich habe an L. Vitellius gedacht, jenen Vitellius, der in geradezu widerlicher Weise eine tiefe Verehrung gegen Messalina zur Schau trug und der sich nach der Schilderung des Tacitus XI 33—35 bei der ganzen Sache höchst sonderbar benahm. Ist dies wirklich der Fall, so hat eihm wohl im letzten Augenblick der Mut gefehlt— denn Claudius war bei dem Volk und den gemeinen Prätorianern sehr beliebt—, oder Narcissus ist ihm mit seiner Anzeige zuvorgekommen, oder aber er ist ein Werkzeug in der Hand der Agrippina gewesen, die wahrscheinlich, wie bereits gesagt, ohne daß wir es wissen, ebenfalls irgend eine Rolle in dieser Geschichte gespielt hat. Daß man tatsächlich in Rom eine Zeitlang an eine Ermordung des Claudius glaubte, zeigt Sueton c. 12. In brevi spatio tantum amoris favorisque collegit, ut cum profectum eum Ostiam perisse ex insidiis nuntiatum esset, magna consternatione populus et militem quasi proditorem et senatum quasi parricidam diris exsecrationibus incessere non ante destiterit quam... Uebrigens könnte man noch einen zweiten Einwand erleben. Warum hat man, wenn wirklich eine Verschwörung gegen Thron und Leben des Claudius vorlag, als Tag der Ermordung nicht wenigstens den Tag der Hochzeitsfeier bestimmt? Der Einwand ist bis zu einem gewissen Grade berechtigt, aber doch nicht stark genug, um unsere Ansicht zu entkräften. Denn wer sagt uns, ob dies nicht wirklich der Fall ge- wesen, die Ausführung der Tat aber aus irgend einem Grund verschoben werden musste? Zudem lässt so- wohl eine Bemerkung des Narcissus: ac ni propere agis, tenet urbem maritus(Tac. XI. 30), als auch die ängstliche Frage des Claudius: an ipse imperii potens, an Silius privatus esset(Tacit. XI. 31), sowie die strenge Bestrafung fast aller Telnehmer keinen Zweifel, daß man auch in der Umgebung des Kaisers in dem Vorgang nicht bloß eine Verhöhnung seiner Person, sondern eine richtige Verschwörung erblickte. Ich nehme an, daß das Kelterfest gewissermaßen eine Nachfeier der Hochzeit bildete, und dazu bestimmt war, die Menschen zu täuschen. Denn für gewöhnlich haben doch Leute, die sich so sorglos der Freude hingeben können, keine Mordgedanken. — Zur Charakterisierung des genannten L. Vitellius verweise ich noch auf Tacitus ann. VI 32 u. Dio 50,57. . Ein Bruder dieses war Publius Vitellius, der bei einer ganz ähnlichen Gelegenheit, nämlich bei der Ermordung des Germanicus, des Bruders des Claudius, eine Rolle gespielt hat. Er befand sich nämlich in der Umgebung des in Antiochia im Jahre 19 n. Chr. vergifteten Prinzen und war neben Veranius der er- bitterste Ankläger des angeblichen, aber vom Senat freigesprochenen Mörders Cn. Piso. Später nahm er an der Verschwörung des Seian teil, jenes Mannes, der n. m. A.(Gymnasial-Bibliothek Heft 25) der geistige Urheber der Ermordung des Germanicus gewesen ist. Verurteilt, aber durch die Fürsprache eines seiner Brüder vom Tode gerettet, machte er einen allerdings nicht recht ernst gemeinten Selbstmordversuch und starb bald darnach in tiefer seelischer Niedergeschlagenheit.(Tacit. ann. II 74, III 10 ff., V 8.)
²) Tacit. ann. XII 25. Dio 60, 32.


