dieser Gelegenheit zeigte es sich nämlich, daß L. Domitius sich größerer Gunst bei dem Volke er- freute, als der kaiserliche Prinz, der jenem gegenüber vollständig in Schatten trat. Daß dies aber nicht ganz von ungefähr geschah, vielmehr Agrippina die Aufmerksamkeit der Römer auf ihren Sohn zu lenken verstanden hatte, beweist die Erzählung des Tacitus, daß damals die Rede ging, es hätten Drachen ihn seit seiner frühesten Jugend beschützt. Beschützt? gegen wen? Tacitus sagt dies nicht, aber es ist klar, daß nur Messalina damit gemeint sein konnte. Die Bosheit, die in dem Ausstreuen solcher„des Auslandes Wundersagen nachgebildeten Fabeleien“ lag, ist nicht zu ver- kennen und ist auch von Messalina erkannt worden. Und so ist es begreiflich, wenn wir hören, daß sie, immer feindselig gegen die Nichte ihres Gemahles gesinnt, damals um so mehr gereizt wurde, Beschuldigung und Kläger gegen sie aufzustellen¹). Leider fand sie bei ihrem Gemahl nicht die gewünschte Unterstützung. Auf bloße Verdächtigungen hin war Claudius nicht zu haben. Da er- sann die Unselige— den Plänen ihrer Gegnerin geradezu in die Hände arbeitend— zu ihrem und ihres Sohnes Schutz einen verzweifelten Ausweg. Sie warf sich dem designierten Konsul C. Silius in die Arme, in der Hoffnung, an ihm den Rückhalt gegen Agrippina zu finden, den ihr Gemahl ihr versagte. Den Preis, um den sich der Ehrgeizige mit der Kaiserin einließ, bildete der Thron und das Leben des Kaisers; dagegen versprach er Britannicus zu adoptieren und zu seinem Nach- folger zu machen.*) Um diese Zeit nun wurde Claudius die Weissagung zu teil, daß ihm als Ge- mahl der Messalina eine große Gefahr drohe. ²) Man war im Altertum sehr abergläubisch, und Claudius machte in dieser Beziehung keine Ausnahme. Sofortlösteerfür eine Zeitlang, bis die Gefahr vorüber wäre, seine Ehemit Messalin a!¹) und begab sich, um die Sache ge- heim zu halten, nach Ostia, während jene in Rom zurückblieb und— indessen Silius in Gegenwart Zahlreicher Zeugen und mit Beobachtung aller bei einer Eheschließung gültigen Gebräuche heiratete. Die Annahme des Tacitus, daß dies eine bloß übermütige Laune einer durch sonstige Ausschweifung übersättigten Frau gewesen sei, ist ganz undenkbar; vielmehr ist der Hergang nur zu begreifen, wenn wir annehmen, daß es sich um eine Verschwörung handelte und daß der Kaiser in Ostia sollte ermordet werden. Darauf deutet auch die Beschreibung eines in dem Hause der Messalina nach der Hochzeit abgehaltenen Kelterfestes, die uns Tacitus XI 31. f. gibt.„Man steigt“, so erzählt er hier,„auf einen Baum, sieht nach Ostia hin, erwartet offenbar von dort eine wichtige Nach- richt, und als es dann gegen Erwarten hieß, daß Claudius lebend nach Rom zurückkehre, stiebt alles in Todesangst auseinander.“ Wie groß die Gefahr für Claudius gewesen, geht daraus her- vor, daß der Präfekt der Vigiles Decrius Calpurnianus an dem Komplott teilgenommen*) und selbst der Präfekt der Prätorianer Lusius Geta sowie Turranius, der Präfekt des G(Getreide- wesens, um die Hochzeit der Messalina wußten, ohne dem Kaiser Mitteilung zu machen.“) Der einzige, der ihm in dieser Zeit die Treue bewahrte, war sein Freigelas- sener Narcissus, der ihm im letzten Augenblick das Komplott enthüllte und ihn so vor
¹) Tacitus, ann. Xl, 11. 12.
²) Tacitus XI, 26.
2) Sueton c. 29.
¹) Dies ist eine Vermutung des Verfassers auf Grund einer Notiz des Sueton, daß man in Rom von einer mit Wissen des Claudius geschlossenen Scheinehe zwischen Messalina und Silius gesprochen habe. Natürlich entbehrte das Gerücht, nach dem späteren Verhalten des Claudius zu schließen, jeglicher Begrün- dung. Aber das ist doch als sicher anzunehmen, daß es tatsächlich in Rom verbreitet war, wie denn auch Tacitus(XI, 30 an discidium tuum nosti? Worte des Narcissus an Claudius) es wohl gekannt, aber nicht für der Mühe wert gehalten zu haben scheint, es ausdrücklich zu erwähnen. Und etwas Wahres mag, wie meist bei solchen Gerüchten, doch daran gewesen sein, und so bin ich auf die oben im Text ausge- sprochene Ansicht gekommen, zumal damit die Hochzeit des Silius und der Messalina überhaupt erst aus dem Bereich des Märchenhaften(cf. Tacitus XI 27 haud sum ignarus fabulosum visum iri...) in das des Möglichen gerückt wird.
⁵) Tacitus ann. XI 35. 6) Tacitus XI 31.


