6
Ebensowenig behaupte ich, ist der Vorwurf der Unselbständigkeit und Abhängigkeit¹) von Frauen und Freigelassenen in Wirklichkeit begründet. Wir brauchen bloß die Annalen des Tacitus mit Aufmerksamkeit zu lesen, gerade des Mannes, der unserm Kaiser mit am meisten seine Un- selbständigkeit vorwirft'), und wir werden erkennen, daß es im Gegenteil ungeheuer schwer hielt, ihn von einer einmal gefaßten Meinung abzubringen oder gegen Personen, denen er einmal sein Vertrauen geschenkt, einzunehmen. Claudius war im Grunde seines Herzens sogar ein edler Mensch und glaubte an das Gute in der menschlichen Natur, bis er sich durch untrügliche Beweise von dem Gegenteil überzeugen mußte. So herrschte über die Sittenlosigkeit seiner dritten Ge- mahlin Messalina im Altertum nur eine Stimme der Verdammung). An Verdächtigungen ihrer Person ihm gegenüber wird es nicht gefehlt haben, und doch wie lange hat er an ihr mit uner- schütterlichem Vertrauen festgehalten! Erst als man ihm ihre Ausschweifungen unzweideutig nachgewiesen, als es sich herausstellte, daß sie ihm sogar nach Thron und Leben gestrebt, da erst ließ er sie schweren Herzens fallen.
Der Sturz dieser Frau ist interessant und rechtfertigt es, wenn wir im folgenden des näheren darauf eingehen. Messalina besaß an den Töchtern des Germanicus, Julia Livilla und Agrippina, die Claudius aus ihrer Verbannung, in die sie ihr eigener Bruder Caligula gewiesen, wieder nach Rom zurückgerufen hatte“), die erbittertsten Gegnerinnen. Der ersteren, Julia Livilla, brachte der Ver- such, die Verhaßte zu stürzen, Verbannung und Todé). Dagegen gelang es ihrer Schwester Agrip- pina, ihre Feindin zu verdrängen und deren Stelle als Kaiserin in Rom einzunehmen. Welche Rolle sie aber bei dem Sturze der Messalina gespielt hat, ist nicht mehr festzustellen. Daß sie jedoch ihre Hände im Spiel gehabt, ist nicht zu bezweifeln. Hatte sie doch an der Beseitigung der Mes- salina insofern das denkbar größte Interesse, als sie, ganz abgesehen von den ehrgeizigen Bestre- bungen für ihre eigene Person, die Absicht hatte, ihrem Sohn Domitius, dem späteren Kaiser Nero, den Thron zu verschaffen; und da sie eine Tochter des in der Frinnerung der Römer immer noch hochgefeierten Germanicus, sie und ihr Sohn also durch ihre Mutter Julia direkte Nachkommen des Augustus waren, war ihr Streben durchaus nicht aussichtslos; nur handelte es sich darum, erst Messalina und dann deren Sohn Britannicus unschädlich zu machen. Daß Messalina die Gefahr, die ihr von dieser Seite drohte, nicht erkannt haben sollte, ist undenkbar. Allein schon die Vor- gänge an den von Claudius im Jahre 47 gefeierten Säkularspielen mußten ihr die Augen öffnen. Bei
Dio 60,13), braucht uns an unserer oben entwickelten Ansicht nicht irre zu machen. Der Ruf der Menge nach Brot und Spielen ist bekannt. Nur der Kaiser war in Rom gut gelittem der in beiden Stücken die Wünsche seiner Hauptstadt ganz und voll befriedigte. Mit ein Grund für die Unbeliebtheit des Tiberius war seine Abneigung gegen die Gladiatorenspiele.(Tacit. ann. IV 62). Das wußte Claudius, und so hütete er sich, dem gewöhnlichen Manne sein Vergnügen zu verkürzen, ja er nahm selbst daran teil und war nie leutseliger als zur Zeit der Spiele. Daß er über die Mittagszeit, während die meisten, um zu essen, den Circus verließen, an seinem Platze ausharrte. ist nicht einer besonderen Freude am Blutvergießen zuzuschreiben, sondern hat, wie bereits Merivale bemerkt. seinen Grund in einem körperlichen Gebrechen, das ihm jede Ortsveränderung im Angesicht der Menge verleitete. Dio macht sich darüber lustig, daß er eine Bildsäule des Augustus vor Gladiatorenspielen anfangs verhüllen und später ganz wegschaffen ließ, um ihr den Anblick des Blutes zu entziehen. Nach meiner Ansicht aber liegt hier kein Grund zu Spott vor; vielmehr glaube ich, daß er das Unwürdige solcher Schauspiele selbst empfunden hat und diese Empfindung auch seinen Römern allmäh- lich beibringen wollte. Uebrigens wäre er, wenn er tatsächlich besondere Freude an Gladiatorenspielen ge- habt hatfer nicht besser und nicht schlechter gewesen, als die meisten Römer seiner Zeit. io 60,. 2.
²) Ann. XI, 28, XII 3 cui non iudicium, non odium erat nisi indita et iussa.
a) Außer Tacitus vergl. man noch Juvenal VI 115 ff., X 330 ff., Dio 60,11 und 18, Plinius X 63.
8 Glanaus war in erster Ehe mit Plautia Urgulanilla, in zweiter mit Aelia Paetina verheiratet.
io 60, 4.
⁵) Dio 60, 8. Seneca, der irgendwie in diese Geschichte verwickelt war, wurde ebenfalls verbannt. aber später nach Verheiratung des Claudius mit Agrippina auf Veranlassung dieser zurückgerufen und zum Lehrer des L. Domitius gemacht.(Tacit. XII,S.)


