Aufsatz 
Der Kaiser Claudius. Eine historische Studie
Entstehung
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Kaiserin Caesonia und deren kleine Tochter Drusilla getötet hatte, wurden hingerichtet, und zwar mit vollem Recht. Offiziere, die mit Verletzung ihres Fahneneides ihren eigenen Kaiser, den sie mit EFinsetzung ihres Lebens hätten verteidigen müssen, ermordeten, verdienen kein Mitleid. Zu- dem hätte ihre Begnadigung den neuen Kaiser leicht in den Verdacht des Einverständnisses bringen können. Erbärmlich hat sich in dieser Sache nur der Senat benommen, der tags zuvor noch dem Chärea als Befreier Roms zugejubelt hatte und nun das Todesurteilihrer beiden Freiheits- hielden ruhig hinnahm. II. Claudius als Kaiser.

Die Regierungszeit des Claudius war für Rom durchaus segensreich. Ihr verdankt die Stadt unendlich viel Gutes. Großartiges hat der Kaiser im Bauwesen geleistet. Kolossale Wasser- leitungen, die er errichten, Straßen, die er anlegen ließ, die Hafenbauten von Ostia haben seinen Namen berühmt gemacht. Große Umsicht hat er in der Proviantierung der Stadt bewiesen, durch viele gute polizeiliche Anordnungen eine Menge Mißstände in Rom beseitigt, mit großer Fürsorge eine wohlwollende Verwaltung der Provinzen eingeführt und ohne eigentlich Soldat zu sein, selbst auf militärischem Gebiete reformatorisch gewirkt. Mit wahrer Leidenschaft nahm er sich der Jurisdiktion an und eine Menge wohltätiger Gesetze, die noch lange nach ihm in Geltung blieben, verdankt ihm ihre Entstehung.¹) Dabei war die auswärtige Politik Roms, was selbst Domas- zewski, Gesch. der Röm. Kaiser, II. S. 28 zugibt, zu seiner Zeit keineswegs würdelos. Gegen Frie- sen, Chauken, Chatten, Britten und Mauretanier wurde siegreich gekämpft der Kaiser beteiligte sich selbst mit großem Erfolg an dem Krieg in Britannien, die Cherusker erhielten von Rom ihren König Italicus*), nach Armenien ward Mithradates, nach Parthien Meherdates*) gesandt. Ein anderer Mithradates, König des bosporanischen Reiches, wurde aus seinem Lande vertrieben und bei seinem Versuche mit bewaffneter Macht zurückzukehren, geschlagen, gefangen und nach Rom gebracht..

Es ist geradezu merkwürdig, daß trotz alledem eine so verächtliche Meinung von Claudius Platz greifen konnte. Saevum et sanguinarium natura fuisse, magnis minimisque apparuit rebus, sagt Sueton. ¹) Aber für seine humane Gesinnung spricht nicht nur das bereits erwähnte Amnestie- gesetz, sondern auch eine Unmasse anderer von ihm getroffenen Bestimmungen und Verordnun- gen. So hat er alsbald nach seiner Thronbesteigung die Papiere des Caligula und die sogenannten schwarzen Listen des Protogenes?), die reiches Material für neue Anklagen enthielten, vernichtet; er hat die Veranstaltungen von Gladiatorenspielen‚für das Wohl des Kaisers' untersagt); er hat einen Löwen, der Menschenfleisch zu fressen gewohnt war, zu töten befohlen?); er hat den Drui- denkult in Gallien mit seiner unmenschlichen Grausamkeit abgeschaffts); er hat sich in menschen- freundlicher Weise der armen und kranken Sklaven gegen ihre harten und grausamen Herren an- genommen) und anderes mehr. Einen solchen Mann darf man nicht leichtsinniger Weise grau- sam nennen, sondern muß annehmen, daß er selbst da, wo er grausam zu strafen schien, wohl be- rechtigten Grund zur Strenge gehabt hat. ¹⁰)

¹) Schiller, Gesch. der röm. Kaiserz. Seite 326 und 334.

²) Tacitus ann. XI 16.

3) Tacit. XI 8 und XII 44 ff. Dio 60,7. Tacit. XII 10 f. Ich setze hier zur Charakterisierung des Claudius die Worte bei. die er bei Entsendung des Meherdates an diesen gerichtet hat: ut non domina- tionem et servos, sed rectorem et cives cogitaret clementiamque ac iustitiam, quanto ignota barbaris, tanto laetoria capesseret.

¹) Sueton Claud. c. 34.

) Dio 60. 4. 59. 26. Protogenes selbst wurde hingerichtet.

4) Dio 60, 5.

²) Dio 60, 13.

) Sueton Cl. 25.

²) Dio 60, 29. 1 ¹⁰) Die Tatsache, daß Claudius trotzdem des öfteren Gladiadorenspiele veranstaltete(Sueton c. 21. 34.