Aufsatz 
Der Kaiser Claudius. Eine historische Studie
Entstehung
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Kaiser wie auch seiner Gemahlin Livia das Wohlergehen ihres Enkels sehr am Herzen lag und dann, daß man seiner Mutter Antonia gegenüber in seiner Beurteilung vorsichtig sein mußte, wenn man sie nicht kränken wollte.) Wahr allerdings ist und das geht ebenfalls aus einem dieser Briefe hervor, daß man ihn, eben weil er wenig präsentabel war, möglichst von der Oeffentlichkeit fern hielt, um nicht böswilligen Zungen Gelegenheit zu geben, über ein Mitglied des Kaiserhauses zu spotten.) Wahr ist ferner, daß ihn Augustus sowie Tiberius in Unter- schätzung seiner Fähigkeiten von allen öffentlichen Aemtern möglichst fern hielten, so daß er bis zu seinem 46. Lebensiahre d. i. bis zu dem Tode des Tiberius dem Ritterstande angehören mußte. Im übrigen aber dürfen wir, wenn wir auch annehmen müssen, daß seine Verwandten seine Fehler und Schwächen wohl gekannt haben, durchaus nicht von liebloser Behandlung reden, wie denn auch Claudius persönlich nicht das mindeste bittere Gefühl gegen seine Verwandten empfun- den hat. Dies beweist die Art, wie er nach seiner Thronbesteigung Eltern und Großeltern, selbst Tiberius, der am wenigsten von ihm gehalten zu haben scheint, aufrichtig verehrte.²) Erst unter der Regierung des Caligula begann für ihn die Zeit absichtlicher Kränkung und Verhöhnung, ob- wohl grade dieser ihn zum Konsulat hatte gelangen lassen. Der Grund zu einem solch unehr- erbietigen Verhalten des Neffen seinem Oheim gegenüber ist nicht schwer einzusehen. Caligula fürchtete wegen der Popularität, deren sich Claudius ob seiner volksfreundlichen Gesinnung er- freute,¹) für seinen Thron, und da er nicht recht wagte, ihn töten zu lassen die Absicht dazu hat er sicher gehabtꝰ), so wollte er ihn wenigstens so schlecht und so erbärmlich hinstellen, daß eine Thronkandidatur für ihn zur Unmöglichkeit wurde. Es ist geradezu empörend, was sich der ältere Mann alles von diesem rohen Menschen und von den übermütigen jungen Herrn aus seiner Umgebung gefallen lassen mußte.) Aber er nahm die derbsten Scherze gutmütig auf, ja er spielte in der richtigen Erkenntnis der Gefahr, in der er schwebte, den Brutus, was ihm zwar für den Augenblick Sicherheit gewährte, ihm jedoch für alle Zeit in den Kreisen der Aristokratie den Vorwurf der Dummheit einbrachte.*) Indes tat dies seiner Beliebtheit in Volkskreisen keinen Eintrag, was sich nach der Ermordung des Caligula zeigte. Damals dachte der Senat nicht im entferntesten daran, ihn an dessen Stelle zu setzen. Während die einen in törichter Weise von Wiederherstellung der Republik schwärmten, gedachten die andern einem aus ihrer Mitte den Prinzipat zu übertragen. Gemeine Soldaten der Garde waren es, die Claudius in das Prätorianer- lager brachten und seine Erhebung zum Kaiser durchsetzten. Ihre und des römischen Volkes Hal- tung bestimmte den Senat nach einem kurzen Interregnum von zwei Tagen seinen Widerstand auf- zugeben und sich in das Unvermeidliche zu fügen.¹)

Der neue Kaiser bèégann seine Regierung mit einem Akte der Gnade. Er erließ ein Amne- stiegesetz, wonach alle Worte und Taten während dieser beiden Tage des Uebergangs straf- los bleiben sollten. Nur Chärea, der Mörder Caligulas, und sein Helfershelfer Lupus, der auch die

¹) Sueton c. 4 heißt es u. a.: Licebit autem, si voles. Antoniae quoque nostrae des hanc partem epis- tulae huius legendam, und weiter: Tiberium adolescentem ego vero, dum tu aberis, cotidie invitabo ad coenam, ne solus coenet cum suo Sulpicio et Athenodoro, und zum Schluß: Tiberium nepotem tuum placere mihi declamantem potuisse, peream nisi, Livia mea, admiror.

²) Uebrigens hat sich später die Gesundheit und das Aussehen des Claudius bedeutend gebessert, So daß er, was auch seine Statuen beweisen, als ganz schöner Mann gelten konnte.

¹) Sueton c. 11. Dio 60, 5.

4) Sueton c. 6. 7.

⁵³) Sueton c. 9. Dio 59, 23. Flavius Jos. Jüd. Altert. 19,1,10; 19,3,2.

) Sueton c. 8. 9. Sueton Caligula c. 23. Claudium patruum non nisi in ludibrium reservavit.

*) Sueton c. 38 simulatam(stultitiam) a se ex industria sub Gaio quibusdam oratiunculis testatus est; nec tamen persuasit, cum intra breve tempus liber editus sit, cui index erat Nον εατοταάνα argumen- tum autem, stultitiam neminem fingere.

³) Ueber die Ermordung des Caligula und die Thronbesteigung vergl. man hauptsächlich Flavius Jos. a. a. O. 19, 14. Die Darstellung ist jedoch etwas verworren.