Aufsatz 
Zum Abschied. Anrede des Direktors bei der Schlußfeier des vorigen Schuljahres
Entstehung
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es freilich bei Vielen. Aber eine lange Erfahrung zeigt uns, wie das Herz des Schülers, auch wenn er weit und lange der Schule entflohen iſt, mit einem ſteten und innigen Zug ihr verbunden bleibt. Ja, wie Vielen geht erſt dann die rechte Empfindung auf für all die Liebe, die Hingebung, die Lebenswärme und Wiſſensfülle, die ihnen in der Schule ſo reichlich entgegengebracht wurde.

Erſt gegenüber der Theilnahmsloſigkeit und dem Eigennutz fremder Menſchen oder dem Stumpf⸗ ſinn und Rohheit einer ungebildeten Umgebung, lernen ſie die Sprache würdigen, die einſt ſo be⸗ geiſtert zu ihnen geſprochen und hingewieſen hat auf alles Hohe, Edle und Schöne!

Dafür haben wir Lehrer die erfreulichſten Beweiſe. Wie oft erhalten wir Beſuche, Zuſchriften und anderwärtige Zeichen der dankbaren und freundlichen Erinnerung von Schülern, die längſt uns verlaſſen haben, die längſt herangereift ſind zu Männern. War es nicht rührend, wie im Laufe dieſes Sommers ein ſolcher aus dem fernen Stettin die Realſchule aufſuchte, der er vor nahezu 30 Jahren angehört hatte und deſſen Perſon kaum noch ein Lehrer ſich zu erinnern vermochte. War es nicht ergreifend, wie ein Anderer, kaum der Schule entwachſen, mitzog in den Heldenkampf nach Frankreich und beim Marſch auf der Heimkehr an Mainz vorbei kommend ſich die Erlaubniß erwirkte, hierher zu eilen und ſeine Schule nochmals zu begrüßen, ſeine zweite Heimath!

Ja es beſteht zwiſchen Lehrer und Schüler dieſer Zug von Herz zu Herz, ein geiſtiger Hauch, der unbewußt beide durchdringt. Und deßwegen iſt es dem Lehrer ſo ſchmerzlich, wenn er fürchten muß, daß ein junges Leben, an dem er bilden und bauen geholfen, das freudig und arglos den Kampf um's Daſein beginnt, dieſem unterliegen und zu Grunde gehen ſoll.

Zu jeder Zeit war dies ein ſchwerer Kampf. Blicken wir zurück in die Geſchichte, jede Periode derſelben hatte ihre Noth und Bedrängniß und nichts iſt gewöhnlicher als der Klage über ſchlechte Zeiten zu begegnen. Faſt immer wird die gegenwärtige als die ſchlimmſte angeſehen und hingewieſen auf eine frühere ſogenannte gute, alte Zeit. Sieht man genauer nach, ſo iſt dieſe nirgends zu finden, wohl aber ſprechen ſich erfahrene und geſchichtskundige Männer dahin aus, daß kaum eine Periode aufzufinden iſt, in der das Leben der Völker und Staaten von größeren Schwierigkeiten und Ge⸗ fahren, von inneren Schäden und Gebrechen mehr angefreſſen und bedroht war, als unſere heutige Zeit,

Als die drei Hauptübel, welche die Geſundheit unſeres Volkslebens ernſtlich bedrohen, werden hervorgehoben: die Genußſucht, die Arbeitsſcheu und die Zügelloſigkeit. Nicht als ob dieſelben neue Erſcheinungen wären. Vereinzelt und vergeſellſchaftet begegnet man ihnen da und dort im Laufe der Geſchichte, dann und wann mit entſetzlicher Heftigkeit auftretend. Aber niemals ſind dieſe dämoniſchen Leidenſchaften ſo allgemein, ſo unverhüllt, ſo herausfordernd aufgetreten, wie heu⸗ tigen Tages, niemals haben ſie Allem, was dem Menſchen als heilig, ehrwürdig und recht erſcheint, den Handſchuh mit gleicher Frechheit in's Geſicht geſchleudert.

Der Religion, dem Vaterland, der Familie und dem Eigenthum kurz Allem, was als Hort und Stütze des Volkslebens gilt, wird ein unverſöhnlicher Krieg erklärt. Handlungen, ausgeführt von Scheuſalen, die nur zu nennen das Gefühl empört, werden gebilligt, ja mit Beifall begrüßt. Mit verhülltem Antlitz wendet ſich der Genius der Menſchheit ab von dem troſtloſen Bilde.

Da gilt es denn, gegenüber ſolch bedrohlichen Erſcheinungen nicht müßig die Hände in den Schooß zu legen. Da gilt es mit gleichem, mit größerem Eifer als die Zerſtörer befliſſen ſind das Haus zu unterwühlen, es zu feſtigen, ſeine Schäden auszubeſſern, ihm neue Stiütze zuzuführen. Hieran müſſen alle erhaltenden Elemente in regſter Weiſe ſich betheiligen, hieran entfällt denn auch der Schule ihr bedeutungsvoller Antheil.

Iſt ſie es nicht, meine lieben Schüler, die Euch gelehrt hat, an welchen Uebeln das große Babylon, das mächtige Rom zu Grund gingen, wie das Rieſenreich Alexanders dahin ſchwand und