Aufsatz 
Zum Abschied. Anrede des Direktors bei der Schlußfeier des vorigen Schuljahres
Entstehung
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IV. Beigabe.

Zum Abſchied.

Anrede des Direktors bei der Schlußfeier des vorigen Schuljahrs.

Wir ſchließen in dieſer Stunde das Schuljahr 1877/78. Für fünfundſechszig unſerer Schüler eröffnen ſich hiermit die Pforten der Schule zum Eintritt in ein neues, in ein anderes Bereich ihres Lebens.

Uns Lehrern iſt dies eine rhythmiſch ſich wiederholende Erſcheinung. Mir insbeſondere iſt ſie wiedergekehrt in langer Jahresfolge. Wie am Meere ſtehend, das Auge Welle auf Welle ſich er⸗ heben, wachſen, dem Ufer zurollen, ſich brechen und überſtürzen ſieht und ſtets von Neuem dies Spiel ſich wiederholt, ſo ſehen wir die leicht bewegliche Jugend vor unſeren Augen alljährlich in immer höher treibender Bewegung ſich erneuern. Doch hier endet das Gleichniß; nicht kräuſelnder Schaum iſt es, wie die Meereswelle ihn zurückläßt und ſpurlos verſchwindet, ſondern der heran⸗ gewachſene, der erzogene, der ausgebildete Menſch iſt es, den die Woge heranträgt und ausſetzt am unbekannten Ufer.

Geht! Lebt wohl! Gott ſei mit Euch! Mit dieſem Abſchiedsgruß trennen ſich unſere Wege; neue Wellen rollen heran, neue Sorgen erheben ſich für mich, für Eure bisherigen Lehrer. Wir haben Euch gehen, denken, ſprechen gelehrt geht nun, und lernt handeln, wirken, leben!

Doch, nein ſo ſcheiden nicht Menſchen, die gleich uns ſechs, ja acht Jahre lang tagtäglich mit einander verkehrt haben.

Sehen wir doch, wie Reiſende, die der Zufall auf gemeinſamer Fahrt nur auf Stunden oder Tage zuſammengeführt, die ſich flüchtig berührten und nun ſich trennen, meiſt auf Nimmerwieder⸗ ſehen, traulich und herzlich die Hände ſchütteln und mit wohlwollender Theilnahme ſich gegenſeitig glückliche Reiſe wünſchen.

So ſei es auch mit uns, meine lieben, nunmehr ſcheidenden Schüler. Im Namen Eurer Lehrer reiche ich Euch die treue Freundeshand, die Jahre lang Euch geführt hat. Aber der Lehrer iſt der ältere Reiſende, der dem jüngeren manch guten Rath mit auf den Weg geben kann. Er ſelbſt hat ja auch den ſicheren Reiſewagen der Schule ſ. Z. verlaſſen und iſt mit leichtgeſchnürtem Bündel den verſchiedenen Pfaden nachgegangen, die in mannigfachen Windungen zum erſehnten Ziele führen oder zu führen ſcheinen.

Darum hört auf die warnende Stimme; es iſt die wohlwollende Stimme der Theilnahme an Eurer Zukunft, es iſt die erfahrene Stimme der Sorge, die Euch vor Irrwegen, trügeriſchen Lichtern, verlockenden Ausſichten neben gefährlichen Abgründen bewahren möchte.

Und ſollte ein ſolches Freundeswort nicht wiederklingen in Euren Herzen ſollet Ihr gleich⸗ gültig der Stätte den Rücken wenden, die Ihr Jahre lang beſucht habt, ſtets angehalten zur Arbeit und Pflicht? Froh von hinnen eilend, ledig des läſtigen Zwangs und der Bürde! So ſcheint

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