Aufsatz 
Festrede bei der Feier von Schillers Todestag am 9. Mai 1905
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

schaft errettet und fand bei ihm in Leipzig-Gohlis und in Dresden-Loschwitz eine Freistatt zu freudig rüstiger Arbeit, vor allem an seiner eigenen künstlerischen und wissenschaftlichen Aus- bildung durch geschichtliche und philosophisch-ästhetische Studien. Diesen widmete er vorzugs- weise Zeit und rastlose Arbeit auch während seines ersten kurzen Aufenthaltes in Weimar und in Volkstedt bei Rudolstadt, wo er seine Lotte kennen und lieben lernte, und auch noch, nach- dem er in Jena mit einer erst garnicht, dann sehr dürftig besoldeten Geschichts-Professur festen Fuss getasst und durch die Verbindung mit der treftlichsten Frau sich eine beglückende Häus- lichkeit geschaffen hatte. Kaum abermocht' er sich im sichern Port nach wildem Sturm zum Dauernden gewöhnen, da stürtzte ihn das Uebermass der Arbeit, verbunden mit den früheren Entbehrungen, in jene schwere Krankheit, von der er kaum und niemals ganz genass. Aus den hierdurch entstandenen neuen Sorgen und Nöten durch hochherzige Hilfe aus dem fernen Däne- mark gerettet(der eine der edlen Helfer war der Urgrossvater unserer Kaiserin), wurde er nach einem herzerquickenden Wiedersehen seiner Eltern, Geschwister und Jugendfreunde, die er endlich in der Heimat einmal wieder aufsuchen konnte, durch das Studium der Alten und durch den einzig dastehenden Freundschaftsbund mit Göthe in seiner inneren Vollendung als Künstler und Mensch so sehr gefördert, dass er nunmehrmit Riesenschritten den Kreis des Wollens und Vollbringens mass und mit Riesenstärke seinem verfallenden Leibe jene Fülle vollendeter Kunstwerke abrang, die ihm die Unsterblichkeit gesichert und ihn ebenbürtig neben Göthe gestellt haben, bis der allzurasche Tod ihn mitten aus neuen grossen Entwürfen hin- wegraffte.

Und so hat ihn Rietschel in Weimar, wohin ihn zuletzt das Theater und des Herzogs Karl August Gunst gezogen hatte, mit Göthe zusammen, wie sie beide einen Lorbeerkranz halten, dargestellt.

Dieser aber, sein grosser Freund, hat in dem herrlichen Denkmal, das er ihm gestiftet, dem Epilog zur Glocke, seinen Lebensgang und sein Wesen auf das treffendste also gezeichnet:

Er hatte früh das strenge Wort gelesen, Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen Dem Leiden war er, war dem Tod vertraut. Und hinter ihm in wesenlosem Scheine Indessen schritt sein Geist gewaltig fort Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine.

Ja, das ist es, was vor allem ihn so hoch gestellt und zu unserm Lieblingsdichter ge- macht hat; in allen seinen Dichtungen, den herrlichen Balladen, den gewaltigen Dramen und den gehaltvollen Gedankendichtungen, hat er den Lebensnerv und das poetische Bedürfnis des deutschen Volkes vornehmlich durch seinen Ide alismus getroffen.

Uns aus der Mühsal und Kleinlichkeit des Alltagslebens, aus dem Niedern und Gemeinen heraus und über uns selbst zu erheben, uns auf die lichten Höhen reiner Menschlichkeit zu führen, das hat keiner so verstanden wie er. Was Schiller besingt, ist immer etwas Erhabenes und Grosses, und auch die Sprache, in der er es besingt, ist schön zwar und anmutig, mehr aber noch voll Hoheit, Glanz und Würde. In solchen Tönen singt er in seinen lyrischen Ge- dichten von Freiheit, Tugend, Gott und Unsterblichkeit, von dem schönen Wunderlande, in das nicht weiche Sehnsucht, sondern nur mutiger Glaube hinüberträgt, von der noch am Grabe aufgepflanzten Hoffnung, von der beseligenden Macht der Freude und der Poesie, die mit jedem jungen Jahre die Herzen von neuem entzückt, der Würde der Frau und der Innigkeit des Familienlebens. In den Balladen und Dramen preist er hohe Tugenden und übergewaltige Empfindungen, die zu ausserordentlichem Tun treiben: die Demut, die sich selbst bezwungen, die Treue bis in den Tod, den kühnen Heldenmut und das hochgespannte Ehrgefühl, die Liebe und die Freundschaft. Und in jenen wie mehr noch in den Tragödien stellt er uns das wunder- bare Walten der göttlichen Gerechtigkeit erschütternd vor Augen, die furchtbare Macht, die richtend im Verborgenen wacht, die den Rachestrahl sicher auf das Haupt des Frevlers fallen lässt und den Uebergewaltigen, den, der sich gegen die Gesetze der sittlichen Welt- ordnung auflfehnt, plötzlich stürzt, damit diese gerechtfertigt und erhalten bleibt.