Aufsatz 
Festrede bei der Feier von Schillers Todestag am 9. Mai 1905
Entstehung
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Der Räuber Moor bietet zur Sühne dafür, dass er mit Mord und Brand die Welt hat in die Richte bringen wollen, sich selbst dem Richter dar; der heldenmütige Drachentöter muss aus dem Orden ausgeschlossen werden, bis er durch selbstverleugnende Unterwerfung die Heilig- keit des Gesetzes wieder hergestellt hat; der gewaltige Wallenstein scheitert mit seinem ver- räterischen Vorhaben an den altgeheiligten Ordnungen; Don Cesar opfert sich den Manen des ermordeten Bruders, weil ihn niemand richten kann; und selbst Marie Stuart und die gottbe- geisterte Jungfrau müssen untergehen, denn auch sie haben sich schuldig gemacht. Nicht minder hohe Gegenstände behandelt Schiller in seinen grossen Gedankendichtungen, so im Spaziergange die Entwickelung der menschlichen Kultur und in dem Liede von der Glocke des Lebens wechselvolles Spiel, das uns den Erdensohn in den wesentlichsten Beziehungen des häuslichen und öffentlichen Daseins vorführt. Aber freilich sind jene Menschen und Handlungen und Zustände nicht die gewöhnlichen, wie sie in Haus und Familie, in Stadt und Staat meist wirklich sind, sondern, wie sie sein sollen.

Schillers Muse zeigt uns mehr als die eines andern Dichters alles urbildlich, in idealer Gestalt.

Und so ruft er uns auch zu:

Werft die Angst des Irdischen von euch! Fliehet aus dem dumpfen Leben In des Ideales Reich!

In dieses Reich ewiger Gedanken und verklärter Gestalten sich von ihm erheben zu lassen, das eben sagt uns Deutschen, die wir noch für Ideale schwärmen können, dem Volke derDenker und Dichter besonders zu. Und in Schiller ist der Dichter mit dem Denker auf das vollkommenste vereinigt.

Und Schillers Ideal ist ein sittliches; das ist es weiter, was ihn uns wert macht. Schönheit mit reiner Sittlichkeit, Anmut mit Würde vereint, das ist das hohe Ziel, zu dem er selbst sich durchgerungen hat, zu dem er alle führen will. Nach seiner Ansicht und Absicht soll das Schöne dem Guten und Wahren dienen. Den Künstlernist der Meuschheit Würde anvertraut, d. i. ihre sittliche Hoheit, undder Sänger, der Bringer der Lust, soll mit süssem Klange bewegen die Brust und mit göttlich erhabenen Lehren. Die Kunst soll das strenge Pflichtgebot wie dieé ernste Wahrheit so anmutig und schön umkleiden, dass wir sie mit Lust annehmen und nun aus Neigung ganz von selbst tun, was recht, gut und wahr ist, uns aus den Banden der Sinnlichkeit befreiend. Das ist die sittliche Freiheit, Schillers höch- stes Ideal. Und das soll auch das des deutschen Volkes bleiben.

Doch wir sind nicht nur ein Volk der Dichter und Denker. So konnte es freilich gegen Ende des 18. Jahrhunderts scheinen. Da lag die deutsche Volkskraft, die früher und später sich so gewaltig gezeigt hat, gebrochen, gelähmt, ohnmächtig darnieder; damals fehlte, selbst in Preussen, der Mut zur Tat. Diesen der deutschen Volksseele wieder einghaucht zu haben, das ist Schillers Verdienst. Auf sein Erstlingswerk, die Räuber, setzte er als Titelkupfer einen steigenden Löwen. Und Dannecker, sein Studienfreund, hat seine berühmte Büste in kolossalischem Massstabe gebildet; denn, so meinte er, Schiller könne nur kolossal lebig ge- macht werden. Und so atmen alle Gestalten seiner Muse Kraft und Grösse; sie haben alle etwas Heldenhaftes an sich, Schillers eigenster Lebenssaft pulsiert in ihren Adern. Allen Ge- walten zum Trotz wollen sie sich durchsetzen oder untergehen, auch die Frauen seiner Dramen. Karl Moors Geistdürstet nach Taten; der ritterliche Jüngling im Taucher stürzt sich zum zweiten Male hinab in den furchtbaren Höllenrachen; Wallenstein,

Der, von der Zeitengunst emporgetragen, Und ungesättigt immer weiter strebend, Der unbezähmten Ehrfurcht Opfer fiel, ruft im fürchterlichen Drange der Entscheidung aus: Ich kann mich nicht, Und eh' ich sinke in die Nichtigkeit,

Wie so ein Wortheld, so ein Tugendschwätzer, Eh' spreche Welt und Nachwelt meinen Namen An meinem Willen wärmen und Gedanken; Mit Abscheu aus;