Aufsatz 
Festrede bei der Feier von Schillers Todestag am 9. Mai 1905
Entstehung
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Festrede bei der Feier von Schillers Todestag am 9. Mai 1905. von Direktor Dr. Weineck.*)

Wenn die Blätter fallen Da ist nichts, was den Menschen verletze. In des Jahres Kreise, Aber das Ungeheuere auch

Wenn zum Grabe wallen Lerne erwarten im irdischen Leben! Entnervte Greise, In sein stygisches Boot

Da gehorcht die Natur Raffet der Tod

Ruhig nur Auch den Mann auf der Höhe des Lebens.

Ihrem ew'gen Gesetze;

Das hat er heute vor 100 Jahren mit einem der Grössten und Besten unseres Volkes getan, den er mitten aus dem reichsten Schaffen herausgerissen hat, zum schmerzlichen, zum unersetzlichen Verlust für Deutschland und die Menschheit. Darum muss uns heute, wenn wir dessen gedenken, zunächst Wehmut beschleichen. Und doch ist, wenn in diesen Tagen weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinaus, überall, wo die deutsche Zunge klingt, der Name und der Ruhm Friedrich Schillers von Millionen und Aber-Millionen Lippen ertönt, die Grundstimmung freudiger Dank, dass die Vorsehung diesen grossen Dichter und Menschen uns geschenkt hat. Denn er war unser!

Und noch ist er unser, noch lebt er unter uns unsterblich fort als des deutschen Volkes Lieblings- und Nationaldichter. Noch ist er in der Schule vor andern der Bildner und der Erzieher der Jugend, die er zumeist für alles Hohe und Edle be- geistert; noch behauptet er auf der Bühne von allen älteren Dramatikern den ersten Platz, und seine Dichtungen fehlen in keinem halbwegs gebildeten deutschen Hause und was mehr besagt werden gelesen.

Von Schillers Lebensgange kann ich nur das Wichtigste andeuten.

In Armut geboren, in beschränkten und dürftigen Verhältnissen aufgewachsen, empfing der Knabe für seinen reich begabten Geist Anregung und Nahrung durch die strenge Pflicht- treue eines tüchtigen, strebsamen Vaters und den frommen, auf Höheres gerichteten Sinn der sanften Mutter, durch das Vorbild und den Unterricht eines würdigen Geistlichen, aus der Bibel und einigen fast vergessenen Dichtern und durch den Glanz und das Theater der kleinen Residenz Ludwigsburg, deren lateinische Schule ihm wenig bieten konnte. Auf der von Herzog Karl Eugen geschaffenen und geleiteten Akademie, der Karlsschule, genoss der Jüngling neben seinem Brotstudium, der nicht gern betriebenen Medizin, einen vielseitigen, auch literarischen Unterricht und mit vertrauten Freunden auch die verbotene Lektüre der neuesten bedeutenden Dichtungen. Dadurch wurde sein poetisches Talent zu seiner Erstlingsschöpfung, den Räubern, an- geregt, und im Verkehr mit den Studiengenossen, Söhnen aus vornehmen und gebildeten Häusern, erweiterte er seinen Gesichtskreis. Aber sein kraftvoller Geist empfand den drückenden Zwang der ganz militärisch eingerichteten Erziehungsanstalt schwer und nachher noch schwerer die despotischen Eingriffe des Herzogs in die literarische Tätigkeit seinesRegimentsmedikus, so dass er den heroischen Entschluss fasste, um seines höheren Berufes willen seine Lebens- stellung, sein Vaterhaus und sein Vaterland daranzusetzen und in die ungewisse Fremde zu entfliehen. In den nun folgenden Wanderjahren wurde er aus der schwersten Not und Be- drängnis, während der er doch zwei neue Dramen geschaffen hatte, durch Körners edle Freund-

*) Bem. Zwar ist diese Rede keine Schulrede, sondern sie ist bei der öffentlichen Schillerfeier vor einem ge- mischten Publikum gehalten worden. Aber unter diesem waren auch jugendliche Zuhörer, und, darauf berechnet, ist sie für unsere älteren Schüler wohl verständlich, und die jüngeren werden reifer. So mag sie hier als ein letzter Gruss an meine Schüler und deren Angehörige ihren Platz finden.