Aufsatz 
Beschreibung des neuen Gymnasialgebäudes / von dem Stadtbaumeister Gollhofer
Entstehung
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nasium bestehen zu lassen; ja, ich glaube, ohne diesen Beschluss hätte die Unterrichtsverwaltung die Genehmigung zum Ausbau der gymnasialen Abteilung nicht erteilt. Denn wir halten es für durchaus wünschenswert, dass hier nicht bloss die Jugend, die dereinst dem wissenschaftlichen Studium sich widmen will, ihre Ausbildung erhält, sondern dass auch die Kreise der bürgerlichen Gesellschaft, deren

Kinder nach erlangter Befähigung zum Einjährig-Freiwilligen-Dienst in einen gewerblichen oder tech- nischen Beruf eintreten sollen, hier für ihre Söhne die Unterweisung finden, die ihnen im späöteren Leben die besten Dienste leistet. Ist doch das Gymnasium, so hoch wir' es schätzen, nicht eine Anstalt für jedermann, nicht jedem Knaben ist es notwendig und nützlich, den Gang durchs Gymnasium zu nehmen. Die reiche Entwicklung der Naturwissenschaften in der Neuzeit und ihre Anwendung in Technik und Industrie haben es mit sich gebracht, dass noch andere als die rein wissenschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen sind. Ich rechne darauf, dass die Lehrer sich dem Unterricht und der Erziehung der das Realprogymnasium besuchenden Schüler mit derselben Hingebung widmen werden, die sie den Gym- nasiasten angedeihen lassen.

Das hiesige Gymnasium ist noch eine junge Schöpfung! Es sind erst zwei Jahre verflossen, seit es die ersten Abiturienten zur Universität entlassen hat. Die städtischen Körperschaften haben sich bei seiner Gründung nicht durch die Anklagen beeinflussen lassen, die in heutiger Zeit so vielfach gegen die Organisation der Gymnasien erhoben werden. Man hört ja nicht selten, das Gymnasinm sei nicht mehr zeitgemäss, das Studium des Lateinischen und Griechischen fordere eine Zeit, die für andere Zwecke besser verwendet werden könne; es schädige auch die Erziehung zu christlicher Ueberzeugung wie zu nationaler Gesinnung.

Demgegenüber halten wir daran fest, dass die Bedeutung der Antike für unsere Kultur noch keineswegs erschöpft ist, und wenn die klassischen Studien in der rechten Weise betrieben werden, so stehen sie nicht im Gegensatz zu dem, was unsere Zeit von dem heranwachsenden Geschlecht an Geistes- bildung fordert. Denn das Gymnasium vermag trotz der veränderten Verhältnisse auch heute noch seine Schüler zu gründlicher wissenschaftlicher Arbeit wie zu richtiger Erfassung der Aufgaben der Gegenwart zu erziehen. Wenn wir von der Literatur, der Kunst und dem Leben der Griechen und Römer die Brücke zu unserer Zeit schlagen und diese Brücke mit den Schülern hinüber und herüber gehen, und wenn wir im Unterricht die einfachen Verhältnisse der Antike mit den verwickelten der Gegen- wart vergleichen, so wird sich der Jugend ein tieferes Verständuis der heutigen Zustände erschliessen. So wird der geistige Bau, an dem in diesem Hause gearbeitet werden soll, den Bedürfnissen der Zeit gerecht werden. Freilich, wo der Herr nicht bei dem Bau ist, da bauen umsonst die Bauleute. Darum hoffe ich, dass hier auf der Grundlage der Gottesfurcht und der Religion die Erziehung und der Unterricht der Jugend geleitet werden wird. Unbegründet ist die Befürchtung, die Einführung der Ingend in die Welt des alten Heidentums lenke von christlicher Denkart ab. Meine verehrten Herren und Damen, wer gestern Abend in der wackeren Schüleraufführung der Sophokleischen Antigone das ernste Spiel an seinem Auge hat vor- überziehen sehen, der wird den Eindruck gewonnen haben, dass die Beschäftigung mit der Antike wahrlich nicht von Gott abzuziehen braucht. Wenn Kreon in dem letzten erschütternden Augenblicke zu der Erkenntnis kommt, dass es doch am besten sei, der Götter ewige Satzungen stets festzuhalten, so wird sich das auch in das Herz der Jugend schreiben. Und wenn der Lehrer auch hier vergleichend die Brücke schlägt zwischen unsrer christlichen Auffassung und dem Geiste der Antike, so kann dabei das Christentum nicht Schaden leiden! Antigone, die höchste weibliche Idealgestalt des klassischen Altertums, sie, die ihr junges Leben freudig einsetzt, um dem geliebten Bruder die durch die Religion vorgeschriebene Be- stattung zu verschaffen, scheidet mit dem Wunsche, ihrem Feinde Kreon möge dasselbe Leid beschieden sein, das er ihr zugefügt habe. Hochverehrte Versammlung! Wenn wir dem die ergreifenden Worte gegenüberstellen, die einst vom Stamme des Kreuzes ertönten:NVater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, so wird es auch der heranwachsende Jüngling empfinden, wie hoch erhaben über dem Ideal des Altertums das christliche Sittlichkeitsideal steht.

Die Anstalt, die in diesem Hause ihr Heim gefunden, hat in konfessioneller Hinsicht paritätischen Charakter. Sie wird den Geist echter Duldsamkeit pflegen, jener Duldsamkeit, die nicht evwa auf Gleich- giltigkeit gegen das Christentum beruht, sondern gegründet ist auf der Achtung vor der euichen Ueber- zeugung des Nächsten und der Gerechtigkeit gegen jeden, jener Duldsamkeit, die im gegenseitigen Verkehr nicht das betont, was uns trennt, sondern das, was uns eint, die bei allem, was sie sagt und tut, immer sich bewusst bleibt, dass das Christentum die Religion der Liebe ist und dass wir das Wort des Apostels im Herzen tragen müssen:»Kindlein, liebet einander! Ich vertraue, dass das Lehrer- kollegium fort und fort in diesem Sinne wirken und damit auch unserem teuren Vaterland am besten dienen wird. Hat doch Se. Majestät der Kaiser und König vor wenigen Wochen in seiner herrlichen Koblenzer Rede mit so schönen Worten ausgeführt, wie die christlichen Bekenntnisse einträchtig unter einem Dache wohnen können und sollen. Wer von echter Vaterlandsliebe beseelt ist, wird freudig mit- wirken, dass solcher Mahnung stets Genüge geschieht. Und das Vaterland ist uns allen doch der MHittel- punkt unseres irdischen Schaffens und Strebens. Wir haben nach den Zeiten der Erniedrigung und des Zwiespaltes wieder ein geeintes, blühendes und mächtiges Deutsches Vaterland, der Traum und die Sehnsucht vergangener Geschlechter ist in Erfüllung gegangen, und an einen seligen Erben ist gefallen das entsühnte Gut. Sorgen wir, dass die Jugend sich der heisserstrittenen nationalen Güter würdig zeigt. Weisen wir sie hin auf die Vorbilder der Vaterlandsliebe, die uns im klassischen Altertum entgegentreten,