Aufsatz 
Beschreibung des neuen Gymnasialgebäudes / von dem Stadtbaumeister Gollhofer
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10

Die Einweihungsfeier begann mit dem von dem Schülerchor unter Leitung des Herrn Oberlehrer a. D. Bill vorgetragenen LiedZur Weihe des Hauses, komp. von Kriegskotten.

Dann bestieg als erster Redner Herr Bürgermeister Kauter die Tribüne und begrüsste die stattliche Versammlung mit folgender Ansprache:

Hochansehnliche Festversammlung!

So ist denn der ersehnte Tag herangekommen, an dem es uns vergönnt ist, in diese schönen Räume feierlich einzuziehen, und es gereicht mir zur ganz besonderen Ehre, Sie zum ersten Male in dieser prächtigen Aula im Namen unsrer Stadtgemeinde herzlieh willkommen zu heissen, die Sie erschienen sind, um den heutigen Tag festlich zu begehen, und Ihnen zu danken für Ihre liebenswürdige Teilnahme.

Ganz besonderen ehrfurchtsvollen Gruss und Dank Sr. Bischöflichen Gnaden dem Hochwürdigsten Herrn Bischof und dem Vertreter des Kgl. Provinzialschulkollegiums Herrn Ober- und Geh. Regierungs- rat Dr. Paehler.

Der Umzug unsrer höheren Lehranstalt aus der Stätte ihrer bisherigen Wirksamkeit nach dem neugeschaffenen Heim ist ein so überaus wichtiges Ereignis in dem Leben der Anstalt, dass es sich wohl geziemt, einen Rückblick auf die zurückgelegte Lebensbahn zu werfen. Bei dem umfangreiehen Stoffe würde mich dieses zu weit führen; müsste ich doch zum mindesten auf das Jahr 1577 zurück- greifen. Ich darf mich in dieser Hinsicht wohl auf die vortreffliche Festschrift des Herrn Oberlehrers Dr. Metzen beziehen, welche uns aus der Entwicklungsgeschichte unsrer Anstalt so manches Interessante und bisher Unbekannte berichtet. Wir ersehen daraus das fortgesetzte eifrige Bemühen der Limburger Bürgerschaft, die Bildungsstätte unsrer Stadt den jeweiligen Zeitverhältnissen entsprechend auszubauen und zu vervollkommnen. Je mehr sich unsre Stadt dank ihrer günstigen Lage entwickelte, je intensiver das Geschäfts- und Verkehrsleben sich hier gestaltete, namentlich je grösser die Zahl der Behörden am niesigen Platze wurde, umsomehr empfand man es als einen Mangel, dass die hiesige höhere Schule nicht in der Lage war, den Söhnen unsrer Stadt, die zu ihrem künftigen Lebensberufe erforderliche wissen- schaftliche Vorbildung in vollem Umfange angedeihen zu lassen. Frühzeitig dem heimatlichen Herde und damit dem segenspendenden Einfluss des Elternhauses entrückt, waren sie gezwungen, unter erheb- lichen finanziellen Opfern auswärtige Lehranstalten aufzusuchen. Immer eifriger wurden die Bemühungen diesen Mangel abzustellen; die dahin zielenden Bestrebungen gestalteten sich lebhafter, als mit dem 1. April 1897 Herr Direktor Klau die Leitung des hiesigen Progymnasiums übernahm. Er hatte sich den Ausbau der hiesigen Anstalt als Aufgabe gestellt; mit frischem Eifer ging er ans Werk und widmete, unbeirrt durch die zu überwindenden Schwierigkeiten, seine ganze Arbeitskraft der Erreichung des ge- steckten Zieles, dabei eifrig unterstützt durch Herrn Bürgermeister Schlitt, dessen tätige Mitarbeit leider durch andauernde Krankheit unterbrochen wurde.

In ein neues Stadium traten die begonnenen Verhandlungen und Bestrebungen, als sich die Stadt- verordneten-Versammlung am 7. Dezember 1899 einstimmig dem Antrag des Kuratoriums auf Ausbau unsers bisherigen Progymnasiums anschloss. Die weitere Schilderung des Verlaufs der Gymnasialfrage von diesem Beschlusse der Stadtverordneten bis zu dem heutigen Tage überlasse ich Herrn Stadt- verordneten-Vorsteher, Kommerzienrat Cahensly. Der Herr Minister hatte die von ihm am 14. Januar 1902 erteilte Genehmigung zum Ausbau der Schule unter anderem an die Bedingung geknüpft, dass für die Anstalt ein ausreichendes Gebäude und eine neue Turnhalle errichtet würden. Eine schwierige Aufgabe erwuchs hieraus dem Herrn Stadtbaumeister Gollhofer, dem die Ausarbeitung des Projektes übertragen wurde. In wie geschickter Weise und mit welchem Kunstverständnis Herr Gollhofer sich seiner Aufgabe entledigt hat, davon gibt uns der fertige Bau das schönste Zeugnis. Das Werk lobt den Meister, der sich in dem Neubau ein dauerndes Denkmal seines Könnens und Schaffens gesetzt hat.

Der bei der Grundsteinlegung am 19. Mai 1904 ausgesprochene Wunsch, es möge uns vergönnt sein, zum Beginne des Wintersemesters 1905 die Einweihungsfeierlichkeiten des neuen Gebäudes zu be- gehen, ist in Erfüllung gegangen, dank dem einträchtigen Zusammenwirken von Bauleitung und Hand- werksmeistern, dank vor allem dem Schutze Gottes, der das Gebäude bis zu seiner heutigen Vollendung ohne Unfall hat erstehen lassen.

So steht denn der stattliche Bau angesichts des herrlichen Domes, umrahmt von saftigem Waldes- grün, unsrer Vaterstadt zum Ruhm und zur Zierde und gibt der Nachwelt Zeugnis von dem Gemeinsinn unserer heutigen Generation, die nicht zurückschreckte vor dem Opfer, welches von ihr gefordert wurde, als es sich darum handelte, unsere höhere Lehranstalt auszubauen und ihr ein würdiges Heim zu schaffen. Mit weiser Sparsamkeit wurde der Neubau errichtet und dabei doch mit allen Einrichtungen versehen, die für ein derartiges Unterrichtsgebäude berechtigter Weise gefordert werden können.

Mir liegt es nun ob, Ihnen, verehrter Herr Direktor, das Gebäude zur ferneren Benutzung zu übergeben. Ich tue dieses hiermit, indem ich Ihnen im Namen der Stadt den Schlüssel des Hauses überreiche. Möge die Anstalt unter ihrer bewährten Leitung weiter wachsen, blühen und gedeihen, und unter treuem, verständnisinnigem Zusammenwirken von Familie und Schule eine Stätte sein zur wahren Bildung der Jugend an Geist und Gemüt, auf dass die Jünglinge, die von hier, aus dem sicheren Hafen,