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Gesetze die wilden Triebe zügeln und Furcht vor Strafe sich Gehorsam erzwingt, aufsteigen müßten zum Staate der Vernunft, der Freiheit, des frei gewollten Guten. Der Weg zu dieser Freiheit aber führt ihm durch die Schönheit, das heißt durch die Kunst, deren adelnde Wirkung Schiller an sich selbst erfahren und durch seine Schöpfungen andere erfahren ließ und läßt. Erziehung zur Kunst aber, und damit durch die Kunst, ist ja das Feldgeschrei unserer Tage, und während Schillers und Goetlies Zeitschrift, die zu solchen Bahnen allmählich leiten wollte, aus Mangel an . Teilnahme und Verständnis nach drei Jahren eingehen mußte, mehren heute eine Reihe solcher Teilnahme und Verständnis dafür‘nicht nur in den Häuptern der Nation, sondern bis tief hinein in den Schoß des Volkes. Kein Zweifel: der Sinn für das Schöne ist in moderner Zeit außerordentlich erstarkt, das Auge ist empfäng- licher geworden und mit dem leiblichen auch das geistige. Auf diesem Weg zum Schönen aber geht unser Menschtum aufwärts, aufwärts im Sinne Schillers zu jenem
idealen Ziel, wo gut und schön— wie einmal'auf einer kurzen Höhe sonniger Menschheit— wieder eins sein können und in böse und häßlich nur einen Feind bekämpfen.—-
Dieses Glaubensbekenntnis an das Schöne, das zum Edeln führt und es zuletzt in sich trägt, dieses Glaubensbekenntnis hat uns Schiller geschrieben, er hat es dargelegt in theoretischen Schriften, es ist die Seele seiner dichterischen Werke. Aber mehr als das: er hat es auch gelebt; neben dem Freiheitsdrang, der Höhensehnsucht ist es besonders dieser Glaube an das Schöne, an die Kraft des Schönen, was der Persönlichkeit Schillers jenen Nerv gegeben hat, der sie auch rein menschlich zu einer so gewaltigen, sieghaften, selbständigen, freien machte.
Machtvoll dringt von ihr der Ruf in die Gegenwart: Persönlichkeit! Persönlichkeit tut not in einer Zeit, wo Dampf und Maschinen aus so vielen Menschen nur noch„Kräfte“ und selbst Maschinen machen, in einer Zeit, die so manchen Lebenslauf nur zu einem Karriere-Rennen peitscht, einer Zeit, die gleich sehr an zu viel Nivellierungssucht wie an zu viel Auszeichnungssucht krankt, einer Zeit vor allem, die zwar gerade die Persönlichkeit gern betont, weil sie fühlt, daß es den Menschen daran fehlt, die aber vielfach was sie so nennt nur in feinst verästelter Sonder- natur, in nervösem und krankhaft zersticheltem und zerstichelnden Individualismus suchte und die deshalb in diesem Sinne viel mehr von einem Recht der Persönlichkeit als im wahren Sinn von der Pflicht der Persönlichheit spricht. In einer solchen Zeit ragt wie ein ruhiger Fels inmitten tosender oder lallender Wogen die Persön- lichkeit Schillers mit ihrem leuchtenden Vorbild von ethischer Kraft und Zucht gegenüber Schlaffheit und Schwäche, mit ihrer edlen Männlichkeit gegen- über aufgeputztem Übermenschentum, mit der Glut ihrer Begeisterung gegenüber Lauheit und züngelnder Klügelei, mit ihrem Ernst und Tiefsinn gegenüber Grimasse und Oberflächlichkeit, mit ihrem Zug ins Hohe, Große gegenüber tüpfelnder Pedantenseligkeit, mit der Weite ihres Horizonts gegenüber Philister- und Pharisäertum, mit ihrem sittlichen Pathos gegenüber schillernder Phrase, mit ihrem deutschen Sinn für innern Wert gegenüber romanischer Dekorationslust und Prunkliebe, mit ihrem aus gesunder Scholle wachsenden Enthusiasmus für allgemeines Menschtum gegenüber wurzellosem Weltbürgertum, mit ihrer vor-


