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bildlichen Vereinigung endlich von Liebe zur Menschheit und Liebe zum eigenen Volk und Vaterland.
Zu Volk und Vaterland! Schiller ist der Volksdichter der deutschen Zunge, der deutsche Nationaldichter, der auch in der Liebe zum Vaterland, in der opfer- freudigen Hingabe an das Vaterland sein Vivos voco für alle Zeiten gesprochen hat. Den deutschen Aufschwung, der die Ketten brach, hat er nicht mehr erleben dürfen, wie er auch Deutschlands tiefste Erniedrigung nicht sah; aber wie sein Wirken überhaupt etwas Prophetisches hatte, wie die Räuber die Revolution und ihre Gewalt- taten ahnten, in Posa ein Girondist zu sprechen scheint, Wallenstein auf die gewaltige Gestalt Napoleons deutet, so verküindete er auch die Freiheitskämpfe voraus in der Jungfrau und im Tell. Und ganz besonders im Tell, der unsern Schiller auch unsern stammverwandten schweizerischen Nachbarn recht zu eigen gab, hat der Dichter jene Stimmung, jene Worte gefunden, die jeden immer wieder ergreifen, der in einem Vaterlande lebt und an seinem Teil für es lebt.... ich muß die Worte aussprechen, die Ihnen allen auf den Lippen liegen und die wohl jeder Schillerredner in diesen Tagen ausgesprochen:„Ans Vaterland, ans teure, schließ dich an, das halte fest mit deinem ganzen Herzen! Hier sind die starken Wurzeln deiner Kraft!“ und jenes andere rufende Wort:„Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles freudig setzt an ihre Ehre!“
Das Volk, dem Schiller solches sang, ist eine Nation geworden, weil der Ruf nicht klanglos ihm verscholl, und wenn wir heute den Freiheitssänger, den Mensch- heitsprediger feiern, so feiern wir auch den Herold vaterländischen Empfin- dens. Auf seinen Schiller besann sich mehr als einmal schon das deutsche Volk, wenn es sich aufschwang zu Begeisterung, aufraffte sich zu großen Taten, ein Festtag Deutschlands ist’s, den wir begehen an dem Jahrhunderttag des großen Toten, der nie sterben wird in deutschen Herzen, und es ist das Erhebendste an dieser allgemeinen Feier, daß sie wirklich eine so allgemeine ist, daß jeder etwas hat an„seinem“ Schiller, jeder etwas an ihm haben will, der nur irgend auch geistige Pfade wandelt und den’s vom Alltag an Sonntagsstunden des Herzens aufwärts zieht.
Uns trennt im Leben ja so manches, muß uns trennen. Die Gegenwart hat manche Gegensätze, manchen Kampf verschärft, und in des Tages Hitze vergessen die Kämpfer leicht, daß in jedem von uns mehr Gutes ist, als oft der Andersdenkende glaubt, in jedem von uns mehr Schwaches, als wir selber glauben— in diesen Schillertagen reichen alle Deutschen sich die Hände, am Altar des Gedächtnisses für unsern großen Schiller, der für uns alle stritt, litt und schaffte, verstummt, was sonst schrill lärmt, und angesichts solch nationaler Feier naht wie zum Gelöbnis uns auch jenes Schillerwort, das eines jeden Wunsch und Wille doch, dem Schillers Freiheit, Dichtergröße, Vaterland etwas bedeutet:
„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern!“
Mög’ er hinausklingen, auch dieser Ton des Vivos voco, des Schillerrufes an uns Lebende, seine Weihe, seine Wirkung tragend von der Schillerfeier in die deutsche Gegenwart— so heut und fürder!—


