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andern etwas bedeuten wird, Schiller ist der Redner, der Prediger, der Prophet, der zur Menge sprechen muß, der sich gehört empfinden muß, der aufrütteln, der erheben will zu seinen Höhen, ein Rufer im Streite des Lebens—„Vivos voco— ich rufe die Lebenden!“
So tönt uns recht aus der Tiefe seines Wesens jener dritte Klang entgegen, und er ist der allermächtigste seiner Dichterpersönlichkeit, und die Lebenden, die sich rufen lassen sollen, sie sind da, heut wie vor hundert Jahren, und werden da sein in kommenden späten Zeiten. Denn die Höhenfeuer, die Schillers Geist entzündet. hat, zu ihnen sind wir noch lange nicht emporgestiegen, geschweige denn, daß sie hinter uns lägen auf der Menschheit Wege.
Es sind in unsern Tagen von nicht wenig Seiten ernste, ja bittere Stimmen laut geworden, die da meinten, wir stünden Schillers Idealen noch viel zu fern, um frohen Muts ihn feiern zu können und in einem tieferen Sinne ihn den unsern nennen zu dürfen. Aber wenn leider etwas Wahres an solchen Mene-tekel-Worten ist, wenn ein Überhandnehmen von Äußerlichkeit in gewissen Lebensrichtungen im Widerspruche steht mit dem innerlichen Ernst, an dem Schiller den Menschen gemessen wissen will, wenn manches in der heutigen Gesellschaft konventionell erstarrter ist, als Schillers Ideal eines freien, wahren Menschtums erträgt, wenn der Streit um die Gedankenfreiheit noch nicht erloschen ist, ja in dem Aufeinanderprallen der Gegensätze leider oft neue Nahrung findet, wenn noch vieles nicht ist, wie es im Sinne Schillers sein sollte— müssen wir uns da nicht erst recht in dem zusammen- finden, in dem es ein Zusainmen doch für uns alle gibt? Denn hier, hier macht der Zweifel halt. Oder welche Partei auch von der Rechten zur Linken, welche Richtung im Geistesleben, in der Kunst, ja in der Poesie selbst auf Seiten derer, die ihn für abgetan erachteten, findet nicht etwas an ihm, etwas Großes, auf das sie schwört? Und wenn viel an ihm getadelt worden ist, wenn den entgegengesetztesten Richtungen manches an ihın nicht paßt, sind es nicht gerade auch entgegengesetz- teste Richtungen, die ihn ganz besonders als den„ihren“ in Anspruch nehmen? Das eben zeigt: wir finden uns in ihm alle wieder, wie viel mehr er’s noch werden kann, er ist doch„unser“, er ist dem deutschen Volk ein nationales Besitztum, auf das wir nur um so stolzer sein dürfen, wenn manches davon auch der ganzen Menschheit gehört. Und je mehr wir an der Nachfolge Schillers noch vermissen, in uns selbst, in der menschlichen Gesellschaft und im Staatsleben, um so eindringlicher soll sich uns die Feier seines Gedenktages gestalten, um so ‚mehr soll sie uns nicht einen Sammelpunkt glänzender Äußerlichkeiten mit idealistischer Verbrämung, sondern einen Mahnruf an menschliches, persönliches und nationales Pflichtgefühl bedeuten, um so mehr soll sie uns ein Tag wohl frohen Stolzes auf unsern Schiller, aber auch ernster Einkehr in uns selbst sein.„Vivos voco*— lassen wir uns rufen, die wir leben, daß Schiller unter uns und in uns immer lebendiger werde! Er ist der Gegenwart von nöten, er wird’s der Zukunft sein. Lassen Sie mich in dieser Hinsicht drei Punkte kurz berühren.
In einem befindet sich die Gegenwart erfreulich auf den Wegen, zu denen Schiller einst gerufen, da er in seinen berühmten Briefen über die ästhetische Er- ziehung des Menschen ausführte, daß wir über den Staat der Not, in dem strenge


