Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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Gegenständen, unserer Freude mitzuleiden'). Daher denn auch der Unterschied in der Wirkung des Elendsdramas, interessanter, aber quälender Zerfaserungen des Menschenherzens, die sich dem unsern mitteilen, es peinigend und niederdrückend, während die Tragödie, und vorab die Schillers, unsere Seele beschwingt, durchhellt, beschenkt mit der Freude des Leidens.

So leiden wir mit Karl Moor, der im Kampf mit einem tintenklecksenden Säkulum an seiner titanischen Verblendung zu Grunde geht, mit Verrina im Fiesko, dessen Traum von Freiheit an der Wirklichkeit zerbricht, am Allzumenschlichen derer, die sie bringen, derer, die sie tragen sollen, mit Luise und mit Ferdinand, der des Herzens Recht ertrotzen will von einer verrotteten Gesellschaft, die doch der einzelne nicht stürzen kann, die aber viele solcher Opfer doch stürzen werden, so leiden wir mit Posa und Don Carlos, die Arın in Arm ein Jahrhundert in die Schranken fordern, das ihrem Ideal nicht reif und dessen trostlose Allmacht sich doch im Grunde tragisch selbst zerstört, so leiden wir mit Wallenstein, der es im Rausch der Größe erfahren muß, daß Böses wollen schon Böses tun heißt, daß nicht am Himmel, daß in der eignen Brust des Schicksals Sterne sind, eine Wahrheit, die auch des Schicksals Schritt in der Braut von Messina zu einem trotzig heraus- geforderten und darum tragischen, nicht einfach blinden und brutalen macht, so leiden wir mit Maria Stuart, deren Lebensleidenschaft des Leidens Größe ihr heraufbeschwor, mit der Jungfrau von Orleans, die, menschgeboren, zu über- menschenmäßiger Höhe stieg und sich selber richtete und vernichtete, da die Erde sie zurückverlangte.

Diese lange Reihe von Toten sie sind uns alle lebendig, lebendig durch Schillers Klage um das Große, das da sterben muß, und es sind diese Gestalten in sich selbst um so lebendiger, je mehr in ihnen Schillers eigener Geist lebt, der aufwärts schauende, der aufwärts reißende, der selbst erfahren hat, daß leben leiden heißt, und selbst erfahren, was in Kampf und Leiden, ja im Untergang selbst siegen läßt: der Glaube an das Große, an das Ideale, das nicht untergeht, ob tausend fallen, dies verfechten.;

Dieser Glaube an das Ideale, der Aufschwung in die Reiche des Gedankens, die Abkehr von den Bildern der Wirklichkeit, das Hinaus und Hinauf über diese Erdenwelt, dieses Sehnen ins Weite, Hohe bildet einen Grundzug im Wesen Schillers, der seinem Zug zur Freiheit eng verwandt ist.

Aber Schiller ist kein Idealist, der sich in Wolken und Nebel verliert, sein Idealismus hat vielmehr eine sehr reale, praktische Seite. Hier findet sich ein über- raschend interessanter Doppelgegensatz zwischen ihm und Goethe: während der als Dichter so ganz in der Wirklichkeit wurzelnde und aufgehende Goethe sich als Mensch immer mehr aus dem Leben und von den Menschen zurückzieht, immer einsamer wird, hat der im Fluge seiner Gedanken der Wirklichkeit so sehr entrückte Schiller gerade das Bedürfnis, auf das Leben, auf die Menschen, also auf die Wirklichkeit unmittelbar und stark zu wirken; er ist nicht der einsame Künstler, der ein herrliches Kunstwerk nach dem andern schafft, ohne daran zu denken, ob und wie weit es auch

') vgl. K. O. Erdmann, im Kunstwart XVI, 17 8, 209 f