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ist frei, und wär’ er in Ketten geboren“ so schallt es uns aus den Worten des Glaubens entgegen, und kein Glaube, kein Hoffen, kein Wille war stärker in Schillers Kampfnatur als der zur Freiheit, zur Befreiung— fulgura frango.——
„Mortuos plango— ich klage die Toten.“„Auch das Schöne muß sterben“ hörten wir soeben in ergreifenden Tönen. Daß das Schöne, daß das Große sterben ınuß, für das er sich und uns begeistert, das klingt durch Schillers Dichtung als der zweite Ton in jenem Glockendreiklang; Schiller klagt große Tote— er ist unser größter tragischer Dichter. Aber sie siegen, seine Toten, indem sie sterben, sie erheben uns mit ihrem Falle, ihre Tragik reinigt, indem sie erschüttert. Schiller ist unser tragischer Dichter. Man hat ihn überwunden gewähnt in Zeiten, wo man Schale.und Kern an ihm nicht unterschied oder sonst getrübten Blickes schaute; aber sie sind alle veraltet, die ihn veraltet wähnten, von den Romantikern bis zu den Jüngsten, die den Gewaltigen mit einem dekadenten Lächeln stürzen wollten, und der eine Große, der ihn an der Wurzel zu fassen und sie auszugraben glaubte, Otto Ludwig, er legte damit die Axt an seine eigenen Wurzeln. Nein, er ist nicht veraltet, unser großer Tragiker, und wie in andern Dingen seine Wirksamkeit erst noch recht beginnen soll, so setzt seine tragische Wirkung gerade erneut ein in einer Zeit, die des bloßen Milieu- und Vererbungselends satt geworden. Man koınme init einer Definition des Tragischen, mit welcher man wolle, man finde von diesem oder‘jenem Standpunkt aus in diesem oder jenem Stück die Absicht des Dichters — oder die eigene— nicht rein und ungetrübt in die Erscheinung tretend, man sehe in den Jugenddramen zu viel geschmacklose Häßlichkeit, in manchen späteren zu gemeißelte Schönheit, man hänge sich an die nicht glückliche Charakteristik mancher Frauengestalten, sofern sie nicht an das männlich Energische streifen, man leuchte mit eigenen und fremden Lichtern und oft Blendlaternen an ihm herum, bis man die letzte Stelle entdeckt hat, die eine Schwäche ist oder dafür gehalten werden kann— Eines bleibt, was uns kein Licht noch Irrlicht der Kritik je rauben kann: die sie alle überstrahlende, leuchtende Größe echt tragischer Wirkung auf unser Herz, echt tragischer, weil sie eben die Wirkung einer Größe ist, eines großen Leidens, das uns zu seiner Höhe emporhebt, das uns in seinen stolzen Kampf hineinzieht, das uns am Abgrund eines Menschenschicksals erkennen und empfinden läßt, daß Großes leben Großes leiden heißt.
Wir Menschen von heut und gestern, wir können solches Leben, solches Leiden nur schauen. Wir leben, leiden selbst nicht so. Wir wandeln einen mehr oder weniger ebenen, ruhigen Pfad, und unsere Leiden, die ja keinem Erdgeborenen erspart bleiben, sind selten tragischer Art. Aber es lebt ein Funke in uns, der hie und da zur Flamme entfacht sein will, und je enger wir an eines kleinen Lebens Kette gefesselt sind, un so mehr quillt oft die Sehnsucht auf nach momentaner Befreiung, nach Erlösung, nach einem Hinauf wenigstens im Reiche des Gedankens, des Mitempfindens, des Mitlebens, das Verlangen nach Sturm und Leidenschaft, nach einem eigenen großen Erleben in der Illusion— diese Sehnsucht wird uns gestillt im Anschauen eines gewaltigen tragischen Menschenschicksals auf der Bühne, darauf beruht zu einem großen Teile unsere Befreiung, unsere Läuterung, unsere Erhebung, darin sieht ein Ästhetiker geradezu den Grund unseres Gefallens an tragischen


