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das ihr entstammt, jenem herrlichen Gedicht, das unser Leben, das ganze Menschen- leben so tiefsinnig begleitet, von der Wiege bis zum Sarge, vom Knaben zum Greis, in der Familie, in Gemeinde und Staat, in den wohltätigen und in den furchtbaren Erscheinungen des Daseins. Hier sind goldene Formeln festgelegt dem Jüngling und dem Mädchen, dem Bräutigam und der Braut, dem Mann wie der Mutter und Hausfrau, dem Gesellen und dem Meister, dem Landmann und dem Städter, dem Schaffer und dem Denker; hier sind dem deutschen Volk für alle Zeiten Worte geprägt, zu denen es immer wieder greift in’ des Lebens schwarzen und heitern Losen, die schwarzen zu erhellen, die heitern zu schmücken mit dem Schimmer goldener Poesie. Und dieses gewaltige Lied, es trägt eine Aufschrift, einen inhalts- vollen Weihespruch, der eben den Gedanken dieser Schöpfung in der Seele Schillers weckte. Diese Aufschrift möchte ich von einem Motto des Gedichtes zu einem Motto des Dichters selbst erheben. Es sind die bekannten Worte der Schaffhausener Glocke: „Vivos voco— ich rufe die Lebenden, mortuos plango— ich klage die Toten, fulgura frango— ich breche die Blitze“. Aus der leuchtenden Dreiheit dieses Glockenspruchs glänzt uns ‚der ganze Genius unseres Schiller entgegen, oder doch ein Licht, mit dem wir seine größten, seine tiefsten Seiten uns beleuchten können. i„Fulgura frango— ich breche die Blitze.“ Schiller brach Blitze; er stürmte. an gegen die Tyrannenmacht irdischer. Blitzeschleuderer,: und: er fand die Tyrannen nicht nur auf dem Throne, er-fand sie ebenso gut in. der Gesellschaft, im mißgeleiteten Haufen und im unfreien Herzen des einzelnen.: Freiheit war der glühende: Drang seiner Seele von Jugend auf, Freiheit atmet durch sein ganzes Dichten,, von, dem'revolutionären Ingrimm seiner Jugend. mit ihrem republikanischen Überschwang bis, zu den ruhigeren, gemäßigten Anschauungen, seiner späteren Zeit. „In tyrannos—. gegen die Tyrannen“ war der Taufname seines ersten„Löwen wurfs“, der wilden Räuber, politische Freiheit: verfocht er in seinem. Fiesko,. für soziale Freiheit kämpfte er in Kabale und Liebe, für ‚geistige in seinem Don Carlos, die Jungfrau von. Orleans ist eine-Heldin der Freiheit, auch in Maria Stuart und im Wallenstein,;funkelt sie auf, und in seinem letzten ‚vollendeten Stück; ein Jahr vor seinem Tode, drückt. der, Dichter dem Tell die Waffe in die Hand, ‚ein Volk von. Knechtschaft. zu befreien— ein Volk freilich, das.„mit dem Schwerte in der Hand sich mäßigt“.. Denn hier und überall läßt uns Schiller ‚empfinden, daß er es: wie‘mit. allem. so auch. mit der Freiheit ernst. und. tief nimmt.: Weit ist ‚er hinaus- gekommen über die anfängliche geniale ‚Zügellosigkeit und selbstherrliche Willkür, von.der sich schon sein erster Held, ‚selbst schaudernd abwenden muß, wie sich der Freiheitsdichter,‚abwandte:— viel;früher sogar als Herder— von dem Mißbrauch der‘Freiheit, der,in. der französischen Revolution später.aufwucherte.. Der persönliche Wille-zur ‚Freiheit ‚stand ihm. ‚unter, dem, ewigen Gesetz ‚sittlicher-Notwendigkeit, nur wo jeder einzelne, sich der Ordnung unterwirft, kann die wahre Freiheit,. des Ganzen wie des einzelnen, gedeihen—„Heilige Ordnung, segenreiche Himmelstochter“ heißt es in der Glocke, und von Schiller, dem Freiheitssänger,' stammt: das ernste Wort;'„Die, Weltgeschichte:das Weltgericht.* ‚Wie ja ‚durch seine Dramen, so atmet ‚ der.-Geist: der Freiheit auch durch seine ‚übrigen Schöpfungen, durch.seine Prosaschriften sowohl wie durch viele seiner Gedichte.„Der Mensch ist frei geschaffen,


