I. e Rede des Professors D: 0. Kimmig
bei der vom Verwaltungsrat der Wessenbergdenkmalstiftung veranstalteten
öffentlichen Feier in der städtischen Turnhalle
am 8. Maı 1905
Andächtige Schillergemeinde!
Andächtig darf ich uns wohl nennen, denn wir feiern einen großen Toten, einen der edelsten Menschen, der je einging in ein doppelt ewig Leben, und eine Gemeinde Schillers, wenn nicht im engen, so in einem weiteren Sinne, sind wir, die sein hehr Erinnern heute hier zusammenführt. Ja zu einer Schillergemeinde wird in diesen Tagen unser ganzes deutsches Volk, soweit es sich auf sich selbst besinnen kann, soweit es mitschafft am Vorwärts-, am Aufwärtsschreiten der Nation, und solche Schaffer wandeln ja keineswegs nur auf den Höhen, es gehen Tausende auch in der Tiefe einen kleinen, stillen, engen Pfad. So ist dem ganzen deutschen Volke diese Feier zugedacht, und keine literarischen Vorträge von gelehrter Tiefe oder gelehrtem Anstrich sollen sie darum entstellen. Lebendige Worte sollen fallen, deutliche, deutsche, zu Aufschwung sollen sie die Seele rufen im Erinnern an den Mann, der selbst zu Aufschwung rief sein-Lebenlang und rufen wird für alle Zeiten. In diesem Sinne möcht’ ich sprechen können, in diesem Sinne um so mehr, als auch diese Feier, zu der die Manen Wessenbergs Sie riefen, eine öffentliche ist, zu der ein jeder nicht nur äußerlich, auch innerlich Zutritt haben soll.
So möchte ich deutlich sprechen, und so muß ich kurz sprechen, daß un Schwingen nicht erlahmen, des Redenden wie der Hörenden.-
Aber je kürzer meine Rede sein soll, um so mehr möchte ich ins Innerste greifen, möchte, wenn es möglich wäre, für unsern Friedrich Schiller sozusagen eine Formel finden, die alles in sich hielte, die alles wachriefe, was wir ihm danken, wessen wir uns von ihm bewußt sind, was wir noch von ihm erhoffen für unser Volk, in das. er so breit und tief gedrungen ist, in das er noch so viel tiefer und breiter dringen kann und sollte.
Und vielleicht gibt es eine solche Formel. i
Von dem Namen Schiller ist untrennbar der'Gedanke an ein Gedicht, das er geschaffen, man denkt nicht Schillers, ohne seiner Glocke zu gedenken, und selbst die ihrer nicht gedenken können, sie haben auf den Lippen oft ein Wort,
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