Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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seine Freundestreue? Tausend schöne Züge freundschaftlicher Gesinnung werden uns erzählt aus seinem rührenden Verhältnis zu Andreas Streicher, aus seinem innigen Freundschaftsbunde mit Körner, W. v. Humboldt, Goethe und H. Voß, und wie auch diese ihrerseits dem großen Freunde die Treue bis über das Grab hinaus bewahrt haben. So sind die Worte in den Idealen zur Prophetie an seinem Leben geworden: daß neben der Beschäftigung, die nie ermattet, die Freundschaft tröstend und liebend bei ihm ausharrte und ihm folgte bis zum finstern Haus. Alle seine Freunde aber, und wer immer dem Dichter näher stand, bezeugen einstimmig die große persönliche Anziehungs- und Anregungskraft Schillers, und daß sein Umgang stets veredelnd und emporziehend gewirkt habe. Wie war das auch anders möglich bei einem Manne, von dem Goethe begeistert singt:

»-«» hinter ihm in wesenlosem Scheine Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine!

So ist denn Schiller eine pädagogische Persönlichkeit von höchster menschlicher Vollkommenheit: er ist es durch sein titanenhaftes Ringen und Streben nach den höchsten Höhen, durch seinen ungebrochenen Mut im Kampfe mit einem grausamen Geschick, durch den Heroismus im Ertragen von Not, an und Leiden, durch seine phänomenale Arbeitskraft, durch seine glänzenden Tugenden als Sohn, Vater, Gatte und Freund, mit einem Wort: durch die sittliche Erhabenheit seines Wandels und seiner Werke.

Gibt es, verehrte Anwesende, ein schöneres, ein leuchtenderes Vorbild für Jung und alt als dieses Heldenleben? Wo gibt es einen Dichter, der würdiger wäre als Schiller, geistiger Führer seines Volkes und sittlicher Berater der Jugend zu sein? Ist es nicht eine heilige Pflicht für Schule und Haus die Jugend stets aufs neue auf das strahlende Bild dieses einzigen Mannes hinzuweisen und sie für seine Ideale zu begeistern? Mit Recht sagt Böckh in seiner Rede zur Feier des hundert- Jährigen Geburtstages Schillers:Dem Jüngling ziemt die Richtung auf das Ideale; ist die Jugend nicht dem Ideal zugewandt, ja schwärmt sie nicht sogar für dasselbe, so geht das Leben nur zu leicht in der Materie unter, und wenn die Jugend es ist, auf welcher die Hoffnung für die Zukunft beruht, so geht auch diese Hoffnung zu Grunde.

Darum, liebe Schüler, präget euch nicht nur die unsterblichen Balladen und Lieder Schillers ins Gedächtnis und schreibt euch die darin niedergelegten großen Gedanken ins Herz, um sie als goldene Lehren der Weisheit mit ins Leben hinaus- zunehmen, sondern macht euch vor allen Dingen auch die idealen Tugenden zu eigen, die dieselben wiederspiegeln: die Ehre, die der höchste Preis, die Treue, die doch kein leerer Wahn, den Gehorsam, der die erste Pflicht, und die Demut, die sich selbst bezwungen; lernt aus dem Grafen von Habsburg, dem Gang nach dem Eisenhammer, den Kranichen des Ibykus und andern in der wunderbaren Ver- knüpfung menschlicher Geschicke eine höhere Macht als den Zufall erkennen und verehren das göttliche Walten; folget euerem Schiller als Panierträger des Wahren, Guten und Schönen allerwegen!