Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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Erdenleben schwebend,eine Stimme von oben, die mit Klängen höchster sinnlicher Schönheit uns predigt, aus dem engen, dumpfen Erdenleben, in demnichts besteht, in demalles verhallt, zu fliehen.:

In des Ideales Reich.

Nicht minder veredelnd und erhebend wirkt die Betrachtung der Person und(des sittlichen Wandels des Dichters. Denn heroisch wie seine Dichtung ist auch sein Leben; wie in den idealen Gestalten seiner dichterischen Phantasie, so lebt auch im Dichter selbst das Ideal der Sittlichkeit, ja in Schillers Leben finden wir die lebendige Verkörperung der Ideale seiner Muse, was leider nicht bei allen Dichtern der Fall ist, deren Schöpfungen als Schul- und Jugendlektüre dienen. Schön und treffend sagt da im Vergleich zu letzteren ein Schillerforscher*):Schillers Leben dagegen bietet den erhebenden Anblick einer innigen Verbindung, einer sel- tenen Übereinstimmung zwischen Menschen und Dichter. Erhaben, heldenmäßig, nur auf das Große gerichtet, entgegenstehende Hindernisse mit kühner Entschlossenheit zur Seite werfend, sind die Gestalten, die seine Phantasie uns gezeichnet. Ganz ähnlich verläuft sein eigenes Leben ein erhebendes und zugleich ein erschütterndes Drama. Der Held ist der Dichter selbst, die Idee, an die er sein Leben setzt, ist die Dichtkunst. Schon früh erfaßt er sie mit allen Fasern seines Seins, hält sie aufrecht in allen Stürmen, faßt sie reiner und reiner und läßt zuletzt für sie sein Leben. In der Tat, Schillers Leben ist ein vollendetes Kunstwerk von derselben Größe, demselben grandiosen Stil und Aufbau und derselben Tragik wie seine Dramen. Unter drückenden materiellen Sorgen, unter heftigen Berufszweifeln und Entwickelungs- kämpfen ringt er sich hindurch zur physischen wie zur sittlichen Freiheit. Als er endlichnach wildem Sturme in den sicheren Port gelangt war und das Ziel seines Strebens, sich auf sich selbst zu stellen, erreicht hatte, da wird er von einer tückischen Krankheit heimgesucht, die ihn nach langen, schweren Leiden in der Blüte seiner Jahre, auf der Höhe seiner Schaffenskraft dahinraffte. Das Wunderbarste jedoch an diesem Dulderleben ist, daß von all dem irdischen Jammer, den der Dichter bis zur Neige durchkosten mußte, seine Werke nichts verraten, selbst die nicht, welche ent- standen, als bereits die gebrechliche Hülle mit dem Tode rang, zu einer Zeit also, wo sich der Dichter in der denkbar ergreifendsten Gemütsstimmung befand. Im Gegenteil! Die Huldigung der Künste, das Demetriusfragment zeigen den Dichter auf der höchsten Höhe seines künstlerischen Schaffens, als einen wahren Helden, mit titanischer Geisteskraft immer vorwärts schreitend, immer aufwärts steigend auf der Ruhmesbahn

Ins Ewige des Wahren, Guten, Schönen.

und mit sieghafter Kraft die Wahrheit seines kühnen Wortes erhärtend,daß der Geist es ist, der sich den Körper baut. Durch diesen Heroismus, durch diese sittliche Willenskraft überragt Schiller fast alle Sterblichen. Wer aber sollte nicht auch seine vielen rein menschlichen Tugenden bewundern: seine kindliche Pietät gegen seine Eltern, die sittliche Reinheit seines bürgerlichen und seines Familienlebens,

*), Dr. A. Bliedner in: Schiller, eine pädagogische Studie.