Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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Zu 10.

Naturwahrheit und schönem Ebenmaß, sorgfältiger Selbstläuterung und Reinigung von allen Schlacken seiner titanenhaften Erstlingspoesie, es war aber auch ein Entwickelungsgang steten Aufwärtssteigens und riesigen Fortschrittsvon der ursprünglichen Sturmpoesie zu den künstlerisch vollendeten Gestalten, zu der reichen und harmonischen Farbenpracht der Balladen und zu den großen und lebensvollen, kampf- und kriegsbewegten Geschichtsdramen. Kein Wunder, daß diese Werke die Zeitgenossen in höchste Bewunderung und Begeisterung versetzten, und daß sie auch heute noch jung und alt, Kunstkenner und Kunstfreunde mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen und rühren! Denn welch sittlich ideale Weltanschauung strahlt uns nicht aus denselben entgegen, welcher Reichtum an Ideen, gekleidet in eine ideal-schöne Form und Sprache!

Mit großer Meisterschaft versteht es Schiller, überall in den überlieferten Stoff, und sei dieser noch so unscheinbar, eine höhere Idee zu legen und ihn so zu vergeistigen und sittlich zu verklären. Gewöhnlich geht der Dichter von der Be- trachtung der einfach menschlichen Handlung aus, steigt dann vom Unscheinbaren zum Erhabenen auf, um zum Schluß uns Perspektive aus dein Endlichen ins Unendliche, aus dem Zeitlichen ins Ewige zu eröffnen, Ausblicke, welche das menschliche Gemüt mit ahnungsvoller Freude erfüllen. So zeigt er in der Glocke,was in des Dammes tiefer Grube der Mensch mit Feuershilfe baut; aber alsbald erhebt er unsere Gedanken zu der idealen, Herz und Gemüt erquickenden Betrachtung unseres gesamten häuslichen und öffentlichen Lebens, um zum Schlusse durch das Symbol der Glocke hinzuweisen auf das Bleibende im Vergänglichen, auf das Ewige. Die wechselvollen Bilder des Spaziergangs durch lachende Fluren, über den Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel, in den grünenden Wald lenken die Gedanken des Dichters auf die Entwickelung und Erziehung des Menschengeschlechts: Bei der ewig sich wiederholenden Ver- änderung der Zustände in der menschlichen Kultur, bei dem fortwährenden Wechsel der mannigfachen Erscheinungen des Völkerlebens erscheint ihm nur die Natur in ihrer unwandelbaren Harmonie als das ewig sich Gleichbleibende:

Und die Sonne Homers, siehe! sie lächelt auch uns.

So bildet bald die Natur samt dem Übernatürlichen, bald der Mensch in seinem Tun und Handeln, in seiner Bestimmung als Einzelwesen und in seiner Wechselbeziehung zur Gesamtheit, kurz die gesamte menschliche Kultur und die ganze Weltgeschichte das Thema seiner scharfsinnigen Untersuchung und seiner tief- sinnigen poetischen Betrachtung, und überall nimmt der Dichter Anlaß, einerseits Ideale schöner Menschlichkeit zu zeichnen, anderseits das Hohepriesteramt als Prediger der Schönheit, der Sittlichkeit und Humanität oder als Warner vor dem Bösen zu walten. In dem Freundespaar der Bürgschaft, in Don Carlos und Marquis Posa, in Wallenstein und Max Picolomini, jenen lichtvollen Gestalten inmitten der Greuel des dreißigjährigen Krieges, hat Schiller Ideale der sich selbst opfernden Freundes- treue geschaffen. Der Treubund zwischen den beiden letzteren begeistert den Dichter zu dem Jubelhymnus auf die Freundschaft:

Denn über alles Glück geht doch der Freund, Ders fühlend erst erschafft, ders teilend mehrt.