Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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überholt; aber was diesen Abhandlungen bleibenden Wert verleiht, das ist die fesselnde und interessante Darstellung, der Reichtum an großen Gedanken und ethischen Forderungen, sowie. und diesen Vorzug haben mit ihnen die philo- sophischen Schriften Schillers gemeinsam das scharfe Gepräge einer eigenartigen Persönlichkeit, einer großen Individualität.

Gleichzeitig mit den Räubern(1781) erschien Kants Kritik der reinen Vernunft, ein Werk, das wie alle zeitgenössischen Geister so auch unseren Dichter mächtig ergriff, Die streng ethische Weltanschauung des Königsberger Weltweisen fand in Schillers eigener, sittlicher Persönlichkeit ein besonders lebhaftes Echo. Schiller ging Kants Philosophie bis auf die Wurzeln nach, er machte sich seine ganze Gedankenwelt zu eigen, ohne jedoch die äußersten Folgerungen zu ziehen. In seiner geistreichen Schrift über Anmut und Würde setzt er Kants schroffen Forderung der absoluten Erhebung des Geistes über die Sinnenwelt, der Unterdrückung der sinn- lichen Natur des Menschen durch die sittliche die Lehre von der Notwendigkeit einer innigen Vermählung von Geist und Natur, von Sittlichkeit und Sinnenwelt, der vollen Harmonie von Pflicht und Neigung entgegen, d.h. der Mensch soll sich frei- willig der Vernunft unterwerfen, soll seine Pflicht aus Lust und Liebe erfüllen, nicht weil ihn das Sittengesetz dazu zwingt. Nur dadurch bekundet der Mensch seine sittliche Freiheit, und nur dadurch erlangt er seine höchste sittliche Vollkommenheit. Das Ergebnis seiner ästhetischen Erziehung des Menschen ist in den Künstlern zusammengefaßt und gipfelt hier in den Versen:

Nur durch das Morgentor des Schönen Drangst du in der Erkenntnis Land,

und Was wir als Schönheit hier empfunden,

Wird einst als Wahrheit uns entgegengehn.*

Die Schönheit ist somit die Vermittlerin und Verkünderin der Wahrheit, das Ästhetische führt zum Ethischen, die Kunst zur Sittlichkeit.

Eine entscheidende Wendung im Werdegang Schillers führt das Jahr 1794 herbei. In dieses Jahr, also in die Zeit der Beschäftigung Schillers mit der Philosophie, fällt bekanntlich sein Freundschaftsbund mit Goethe, ein Ereignis, das nicht allein für unseren Dichter, sondern für die ganze deutsche Literatur von der allerwichtigsten Bedeutung werden sollte. Sittlich gestärkt und gekräftigt durch das Studium der Geschichte und Philosophie, ästhetisch geläutert und gereinigt an dem Schönheits- ideal der Griechen und an der Muse Shakespeares, in seinen Leidenschaften gemäßigt durch den mildernden Einfluß des ruhigen und klardenkenden Freundes Körner sowie edler Frauen, vor allen der hochsinnigen Gattin, angeregt und gefördert durch den lebhaften Gedankenaustausch mit Goethe, kehrt jetzt Schiller wieder zu seiner Lieblingsmuse, zur Poesie zurück. Mächtig und lebendig sprudelt nun der Dichter- quell, immer höher steigt unser Dichter auf der Leiter des Ruhmes empor. Es ent- stehen die zahlreichen kleineren und größeren Meisterwerke, die wunderbar schönen Balladen und Lieder, die klassischen Dramen von Wallenstein bis Tell, welche seinen Namen unsterblich machten. Ein langer Zeitraum lag zwischen den Räubern und Tell, eine Zeit beständiger innerer Arbeit und Selbstzucht, mühsamen Ringens nach

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