‚Jugend begeistert, der bleibt gewöhnlich sein Liebling durch das ganze Leben. Und wahrlich, wenn irgend ein Dichter, so hat Schiller Anspruch auf die Sympathie und Verehrung der Jugend, denn alles, was das Interesse eines Jünglings zu fesseln ver- mag: hochgemute Begeisterung für Freiheit und Menschenrechte, glühende Vaterlands- liebe, gewaltiges dichterisches Pathos, jugendliches Feuer der Gedanken und Sprache, ideales Heldentum, das findet er in dessen Leben und Werken vereinigt. Darum sind Schillers Geisteswerke pädagogische Stoffe erster Klasse, sowie der Dichter selbst eine hervorragend pädagogische Persönlichkeit ist. Dies, verehrte An- wesende, gestatten Sie mir, aus den Haupterzeugnissen der literarischen Tätigkeit Schillers sowie an seinem Lebens- und Charakterbild in tunlichster Kürze nach- zuweisen.
Das erste größere Erzeugnis des jugendlichen Dichters, das mit einem Schlage seinen Dichterruhm begründete, sind die Räuber. Dieses überschäumende, urweltliche Kraftstück ist ein echtes Kind seiner Zeit: des Sturmes und Dranges, der Auflehnung und Empörung gegen den allerorten herrschenden Despotismus, gegen die unerhörte Anmaßung der herrschenden Klassen und gegen den schnöden Mißbrauch ihrer Gewalt. Es ist ein herzzerreißender Not- und Hilfeschrei, der in Millionen von Herzen einer ganzen unter politischem, sozialem und geistigem Drucke schmachtenden Menschheit einen mächtigen und erschütternden Widerhall fand, und auf die Zeitgenossen, beson- ders das deutsche Bürgertum eine hinreißende Wirkung ausübte. Aber auch über jene Zeit der Tyrannei hinaus hat das Stück ein gewisses Interesse bewahrt, und groß ist auch heute noch seine ästhetische Wirkung und wird es für alle Zeit bleiben, insofern in diesem Kampfe des Idealismus gegen den Egoismus jener Zeit die sitt- liche Idee der Vergeltung, der rächenden Nemesis waltet und das Werkzeug einer durchaus verwerflichen Selbsthilfe schließlich sich reumütig der strafenden Gerech- tigkeit stellt. Dieser Sieg des Menschen über sich selbst und seine Leidenschaften, wie ihn der Dichter in Karl Moor darstellt, triumphiert oft in den Schillerschen Dramen und Balladen.— Wie in den Räubern, so bilden auch noch in Fiesko sowie in Kabale und Liebe Sturm und Drang den Grundton der Stimmung. Aber in Don Carlos nehmen wir bereits das sichtliche Bestreben des Dichters wahr, mit dem bloßen Verneinungsgeist zu brechen und ein neues Ideal eines Weltgebäudes aufzu- richten. Marquis Posa, der im Verlauf der Handlung in den Vordergrund unseres Interesses tritt, ist der begeisterte Dolinetsch seiner hochfliegenden Ideen von Gedankenfreiheit und Völkerbeglückung gegenüber dem König Philipp, der nur in der Ruhe des Kirchhofs den Frieden der Völker erkennen will.
Durch die Vorstudien zu Don Carlos einmal eingetaucht in das Studium der Geschichte drang Schiller immer tiefer in die Ergründung des Getreibes der Mensch- heit ein, und so mußte nun auf längere Zeit der Dichter dem Geschichtschreiber und in der Folge auch dem Philosophen weichen. Wie der Dichter so tritt auch der Historiker Schiller überall als ein begeisterter Vorkämpfer für Gedankenfreiheit und freiheitlichen Fortschritt und als ein feuriger Verfechter des rein Menschlichen gegenüber den ungerechtfertigten Ansprüchen der privilegierten Stände auf. Zwar ist inhaltlich manches der historischen Schriften Schillers, der Geschichte des dreißigjährigen Krieges und des Abfalls der Niederlande, durch die Forschung längst


