Aufsatz 
Drei Schillerreden : gehalten bei öffentlichen Konstanzer Gedächtnisfeiern des Dichters und dem Festakt des Gymnasiums von Mitgliedern des Kollegiums
Entstehung
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Il. FR Kor Rede des Professors F. K. Demoll

beim Festakt des Gymnasiums

am 8. Mai 1905.

Es ist etwas Schönes um das Bewußtsein geistiger Gemeinsamkeit, gewiß, ein erhebendes Gefühl ist es, mit Hunderttausenden von Gleichgesinnten sich eins zu wissen in edler Begeisterung für einen großen Mann und für eine große Idee.

Zum ersten Male fand ein solches Bewußtsein im deutschen Volk begeisterten Ausdruck, als vor 46 Jahren Alldeutschland den hundertsten Geburtstag Schillers im hellen Jubel beging. Damals war es die Sehnsucht nach einem einigen deutschen Reich, was der festlichen Bewegung den mächtigsten Impuls verlieh, und so sollte jene Gedächtnisfeier zum glückverheißenden Vorboten unserer natio- nalen Einigung werden. Mit noch erhöhter Begeisterung sammeln sich heute bei der hundertjährigen Wiederkehr seines Todestages Millionen deutscher Brüder im Feier- kleide um das verklärte Bild ihres Lieblingsdichters, diesmal getragen von den heißesten Gefühlen innigen Dankes für all das, was die unsichtbare Gewalt seines Genius für die Verwirklichung jenes Sehnsuchtstraumes bedeutete. Zugleich soll die heutige Feier auch ein Huldigungsakt sein vor der unsterblichen Größe Schillers, und was unser Herz dabei noch höher schlagen macht, das ist der Gedanke, daß auch unsere Stammesbrüder jenseits der deutschen Grenzpfähle; ja die ganze Kultur- welt an dieser Huldigung teilnimmt.

Was ist es aber, das diese Größe Schillers ausmacht? Wie kommt es, daß das deutsche Volk Schiller so einmütig als seinen Lieblingsdichter feiert, daß dessen Werke in alle Schichten der Gesellschaft gedrungen sind, daß es, wie der heutige Tag beweist, seinen Gegnern und Verkleinerern nicht gelungen ist, ihn als tot und überwunden in Vergessenheit zu begraben?

Es ist die Erkenntnis, daß Schiller, der deutscheste der Dichter, das höchste kulturelle sowie nationale Ringen und Streben seines Volkes stets mit Wärme erfaßte und mächtig förderte; die Erkenntnis, daß Schiller, der Dichter des Ideals, dem tiefinnerlichen Zuge seines Volkes zum Idealen so wahlverwandt entgegenkam; es ist die schöne, gemeinverständliche Sprache, der sittliche Adel seiner Person und seine unendliche Menschenliebe.

Schiller ist vor allen Dingen auch darum der populärste Dichter des deut- schen Volkes, weil er der Dichter der Jugend ist; denn für wen sich der Mensch in der