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In Stauffacher setzt er der Gastfreundschaft ein bleibendes Denkmal. In der Glocke, in Max und Thekla, in Rudenz und Bertha idealisiert er die Beziehung der beiden Geschlechter zueinander„und verklärt die irdische Liebe in wahrhaft himmlischem Glanze“. Und wie entzückend ist nicht das ideale Bild des Familienlebens und der idyllischen Häuslichkeit in der Glocke! Das harmonische und segensreiche Zusammen- wirken von Mann und Frau, die rastlose Fürsorge des Vaters, die unendliche Liebe und Geduld der Mutter, die engelreine Unschuld des Kindes!— Bekanntlich ist unserem Dichter die Gestaltung der Männer besser gelungen als die Charakterisierung der Frauen, und es ist ihm Goethe hierin ohne Zweifel überlegen; und dennoch haben gerade auch die Frauenideale Schillers nicht wenig zu dessen Beliebtheit beim deutschen Volke beigetragen. Aber nicht die äußere Schönheit, nicht der körperliche Liebreiz ist es, was Schiller in erster Linie ins Auge faßt, sondern die hohen Tugenden der Frauen: ihr inniges und sinniges Wesen, ihre unergründliche und seelenvolle Gemütstiefe, ihre Aufopferungsfreudigkeit, Selbstlosigkeit und unbegrenzte Liebe, mit einem Wort ihre innere Schönheit ist es, die Schiller vorzugsweise zum Gegenstand seiner begeisterten Verehrung und seines idealen Preises macht.
Wie wir bei der Besprechung seiner philosophischen Schriften gesehen, hat uns Schiller auch den Weg gezeigt, auf welchem der Mensch zu dieser höchsten idealen Bestimmung gelangt: es ist der Weg durch die Kunst. Nur wenn Herz und Gemüt durch die Kunst, insbesondere durch die Dichtkunst veredelt wird, und nur wenn zugleich die Aufklärung des Geistes auf den Charakter zurückfließt, gelangt der Mensch zu den höchsten Tugenden der Humanität, vor allen Dingen zu der Tugend, welche Schiller als höchstes Ziel aller menschlichen Erziehung hinstellt: zur Freiheit; jedoch nicht zu der Freiheit, die sich in roher Willkür äußert, sondern zur inneren, ästhetischen Freiheit, die da zu Tag tritt, wo die Vernunft über die wilden Begierden herrscht, wo die sittliche Willenskraft den Neigungen das Gesetz der Pflicht diktiert. Diese Freiheit gilt dem Dichter auch als die einzige gute Grundlage eines gesunden staatlichen Gemeinwesens, und diese Frei- heit verficht Schiller, wie wir schon gesehen, überall mit dem ganzen Feuer seines hinreißenden Temperaments. Den schönsten und reinsten Ausdruck findet dieses Freiheitsideal in Tell, und in der Glocke preist der Dichter den Segen der auf dieser Freiheit und auf der Heiligkeit der Gesetze beruhenden bürgerlichen Ordnung, während er dicht daneben mit grellen Farben ausmalt, wohin es kommt in einem Staat, wo die Vernunft die Herrschaft über die wilden Naturtriebe verliert,„wo rohe Kräfte sinnlos walten“:
„Bleibend ist nichts mehr, es irrt selbst in dem Busen der Gott.“
Auf der Versöhnung von Pflicht und Neigung also beruht nach Schiller die wahre Freiheit, beruht überhaupt alles Glück der Menschen; wo aber diese Harmonie gestört wird, da entstehen die sittlichen Konflikte des menschlichen Herzens, und mit wahrhaft erschütternder Wirkung bringt der Dichter diesen Widerstreit der Ideen, wie der Liebe mit der Pflicht oder Ehre, der Treue gegen den Freund mit der Treue gegen den rechtmäßigen Oberherrn etc. dramatisch zur Anschauung. Überall aber vollzieht sich die Lösung gemäß dem sittlich-religiösen Volksbewußtsein, überall


