Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
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Chor. Wie denn fielen ſie? Bote. 885 Wie auf Geheiß, durchraſt die ganze Königsburg Ein gierig Feuer. Schon ſank hin das ganze Haus.

Nun fürchtet für die Stadt man.

Chor.

Waſſer löſch' die Gluth.

Bote.

Auch das noch iſt bei dieſem Unglück wunderbar, Daß Waſſer nährt die Flamme, und daß ärger nur

800 Sie brennt, wenn man ſie dämpfet. Hilfe iſt umſonſt.

Zweite Scene.

Medea. Amme.

Amme. Entferne dich aus Pelops' Stadt mit ſchnellem Schritt, Medea; ziehe eilig fort in alle Welt.

Medea. Ich ſollte weichen? Wenn ich früher wär' gefloh'n, Ich käm' zurück, das neue Hochzeitsfeſt zu ſchau'n.

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Ein kleiner Theil der Rache, die du ſuchſt, iſt dies. Noch liebſt du, Thörin, wenn es dir genüget ſchon, Daß brautlos iſt Jaſon. Nein, der Strafe Art

Sei ungewöhnlich. Auf! und rüſte dich dazu.

Fort mit dem Recht; es ſei verbannet jede Scheu: Gelind iſt Rache, welche übet reine Hand.

Pfleg' deinen Zorn, und biſt du matt, ſo raff' dich auf;

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Die alten Stürme rufe aus der tiefſten Bruſt

Mit Ungeſtüm hervor nun. Was bis jetzt geſchah, Heiß' Liebeswerk. Wohlan! ſie ſollen ſeh'n, wie klein Und wie gewöhnlich aller Frevel war, den ich

Für ihn verübte. Es verſuchte nur mein Grimm

In jenem ſich. Was konnten Großes wagen auch Die ungeübten Hände, was des Mädchens Wuth? Jetzt erſt bin ich Medea! Leiden ſtählten mich.

Es macht mir Freude, daß den Bruder ich entführt,

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Was zögerſt du, mein Geiſt noch? Nütz' den günſt'gen Sturm;

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Daß ich zerſchnitt die Glieder, daß dem Vater ich Das heil'ge Kleinod raubte und die Töchter ſelbſt Zum Mord des Greiſen hetzte. Such' ein Ziel mein Groll! Zu jeder Unthat wird geſchickt die Rechte ſein. Wo zielſt du hin, o Zornwuth? Welche Waffen lenkſt Du auf den Feind, den falſchen? Ha, gefunden hats Der kühne Geiſt; doch wagt er ſelber es noch nicht Sich zu geſteh'n. Wie thöricht übereilt' ich mich. O hätt' von ſeiner Buhle Kinder doch mein Feind! Doch nein. Wozu? dieſelben, die du ihm gebarſt, Sind Kinder jetzt Kreuſa's. Wohl!, der Strafe Art Steht feſt bei mir. Den ärgſten Frevel heiß' ich gut. Vollführ', mein Muth, ihn. Ihr, einſt meine Kinder, müßt Die Strafe leiden für des Vaters Frevelthat! Doch weh! mein Herz traf Grauſen. Froſtig ſtarrt mein Leib,

Und meine Bruſt erzittert. Fort iſt aller Zorn; Beſiegt von Mutterliebe wich der Gattin Groll. Ich ſollte meiner eig'nen Kinder theures Blut Vergießen? Sprich vernünftig, thöricht Raſende! Solch' unerhörte Gräuelthat ſei fern von mir. Für welchen Frevel büßten denn die armen auch? Jaſon iſt ihr Vater, und, was mehr noch iſt, Medea ihre Mutter. Zum Tode fort? Mein ſind ſie, ach, und frei

von Schuld.

Wohl ſind ſie ſchuldlos; doch mein Bruder war es auch.

Fort! ſie ſind nicht mein.

Was ſchwankeſt du? Was netzen Thränen deine Wang'?

Was treibt bald hier⸗, bald dorthin Haß und Liebe dich?

Es reißt mich unbeſtändig fort der Doppelſturm.

Wie, wenn die ſchnellen Winde führen wilden Krieg,

Das Meer die Fluthen thürmt im Streit von hier und dort,

Und wallend brauſt die Tiefe: anders woget nicht

Mein Herz; bald ſiegt die Mutterliebe, bald der Zorn.

So weiche denn, mein Groll, der Liebe! Kommet her

Geliebte Kinder, meines Unglücks einz'ger Troſt,

Kommt her und ſchlingt die Hände um den Nacken mir!

Die Kinder gehen zu ihr. Der Vater hab' euch lebend, wenn ihr nur zugleich Verbleibt der Mutter. Doch, des Scheidens Stunde drängt, Und kläglich weinend reißt man ſie aus meinem Schooß. 7