Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
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Für welchen Frevel ſtraft man mit Verbannung mich?

Warum ich es verbanne, fragt ein ſchuldlos Weib.

Ob's Recht, ob's Unrecht, handle nach des Königs Wort.

Wer je entſchied, eh' er den andern Theil gehört, War ungerecht, wenn er auch recht entſchieden hat.

Gehört erlitt wohl Pelias auch von dir den Tod?

Doch ſprich', der richtigen Vertheid'gung geb' ich Raum.

Wie ſchwer es iſt, den einmal aufgeregten Geiſt

Im Zorn zu zügeln, und wie königlich es dünkt

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Medea. 205 Dem, der in ſtolzen Händen hält den Herrſcherſtab, Wie er begann, zu wandeln, lernt' ich im Palaſt Daheim. Denn, ob von Elend auch ich überhäuft, Verbannt, allein, ſchutzflehend, rings bedränget und Verlaſſen bin; einſt ſtrahlt' ich in des Vaters Ruhm

Medea. V 2¹0 Und leitete von Phöbus her mein ſtolz Geſchlecht.

Kreon.

Als Richter unterſuche, als Tyrann befiehl. Was mit der Wellen ſanftem Zug der Phaſis netzt,

Und was der ſcyth'ſche Pontus dort im Rücken ſchaut, Wo Sumpfgewäſſer ſüßet weit des Meeres Fluth; Was ſchrecket die mit kleinem Schild bewehrte Schaar,

Kreon.

Medea. 215 Die männerlos an des Thermodon Ufern wohnt: Unbillge Herrſchaft hat beſtändege Dauer nie. Das all regiert mein Vater durch ſein Herrſcherwort. Hochedlen Stamm's, in Glück, in Königsprunk und Macht Kreon. Erglänzt' ich dort. Es wünſchten Freier mich zur Eh', Geh', klag' in Kolchis. Die jetzt ich wünſche. Raſend hat das laun'ge Glück Medea⸗ 220 Mich ſchnell dem Thron entriſſen und in Bann geiagt. Gut; doch der mich hergebracht, Bau' du auf Herrſchaft, wenn des Glückes Unbeſtand . Gewalt'ge Macht bald hierhin und bald dorthin wirft! Bring mich zurück. Als Herrliches und Großes, das die Zeit nicht raubt, Kreon. Iſt Kön'gen nur beſchieden, Armen beizuſteh'n Beſchloſſen iſt's, du fleh'ſt zu ſpät. 2²5 Und Flehende zu ſchirmen. Das nur hab' ich noch

1 Von Kolchis' Thron, daß ich des Ruhmes hohe Zier, Der Griechen Hort, die Heldenblüthe und die Saat Der Götter ſchützte. Mein Geſchenk iſt Orpheus, der Durch ſeinen Sang die Felſen rührt und Wälder lockt. Kreon. 230 Den Kaſtor auch und Pollux ſchenkt' ich euch zugleich Und Boreas' Söhne und den Lynkeus, der das Land

Medea.

Weit hinterm Pontus noch erſpäht mit ſcharfem Blick, und alle Minyer. Von der Helden Führer ſchweigt Medea. Mein Mund; für ihn begehr' ich ja von Niemand Dank: 235 Die Andern bracht' ich euch zurück, den Einen mir.

Nun greif' mich an und rück' mir alle Frevel vor; F;

.. Der Pontus Eurinus bildet die weſtliche Grenze von Kolchis; im Norden und Nordweſten deſſelben wohnten ſeythiſche Völkerſchaften. Daß dieſes Meer in

Folge der Aufnahme vieler und großer Flüſſe ſüßeres Waſſer habe, als andere, gibt ſchon Plinius an. Von der ſchlammigen Beſchaffenheit desſelben an der Nordoſtſeite berichten Polybius(lib. 4.) und Strabo(lib. 1.), welchen Seneca hier gefolgt zu ſein ſcheint.

. Thermodon, ein Fluß in Pontus, und zwar in der Landſchaft Themiſcyra, wo die Amazonen wohnten. . Orpheus, ein mythiſcher Sänger des griechiſchen Alterthums. Nach der gewöhnlichen Sage war er der Sohn des Apollo und der Muſe Calliope. Von ſeinem

Vater erhielt er die Laute, welche Hermes erfunden hatte. Durch ſein Spiel bezaubert er Alles. Er nahm Theil am Argonautenzug und ſchützte die Helden durch ſeinen Geſang namentlich vor den lockenden Sirenen. Seine Gattin war Eurydice. vgl. zu V. 625 ff..

. S. zu V. 88. .. Die Söhne des Boreas waren Zetes und Kalais.

. Lynkeus, unter allen Menſchen der ſcharfſichtigſte; vom Taygetus aus überſah er den ganzen Peloponnes; Kaſtor und Pollux ſah er in einer Eiche, worin ſie

ſich verbargen.

. Minyer, d. i. Theſſalier, Jaſons Geſährten.