Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2⁰ Er lebe; doch er irre hin durch fremdes Land, Geächtet, ſcheu, verhaßt und arm und ohne Herd.

Und Tod, ergreifend Glied für Glied. Zu leicht noch iſt's: Als Jungfrau that ich ſolches, härter treff' mein Schmerz.

Mich wünſch' er ſich als Gattin; doch zu fremder Schwell' Geh' er als ſchon erprobter Gaſt; und Schlimm'res nicht Erfleh' ich ihm, als Kinder, die dem Vater gleich

50 Wohl ziemet größ'rer Frevel mir als Mutter doch. Auf, gürte dich mit Zorn und rüſte wuthentbrannt

Dich zur Vernichtung. Deinem Brautfeſt gleich erzähl'

25 Und gleich der Mutter. Schon erſtand der Rache Schaar; Man deine Trennung. Wie verläſſeſt du den Mann? Ich ſelbſt gebar ſie. Klagen häuf' umſonſt ich jetzt. Wie du ihm folgteſt. Brich das träge Säumen jetzt: Soll ich nicht losgeh'n auf den Feind? Entwinden nicht 55 Das Haus, mit Gräu'l erworben, laß mit Gräu'l, zurück. Der Hand die Fackel, nicht das Licht dem Himmel? Sieht Mein Ahnherr Sol dies, und läßt ſehen ſich und fährt

30 Am klaren Himmel hin die altgewohnte Bahn? Zweite Scene.

Kehrt nicht zurück zum Aufgang und mißt nicht zurück Ghor

Den Tag? Laß durch die Lüfte, Vater, fahren mich deſehend ans orteſhiſchen ranen. t. unter beglekerden Pungen den Auf deinem Wagen. Gieb die Zügel mir, und laß Hochzeitsgeſang des Jaſon und der Kreuſa ſingen.

Dein feuerſprühendes Geſpann am Flammenzaum Die im Himmel ihr herrſcht und in des Meeres Grund,

33 Mich lenken; und Korinth, der Doppelbrandung Ziel, Kommt zum bräutlichen Feſt, Götter, der Könige

4

₰½

Wird ausgebrannt zwei Meere dann vereinigen.

Es fehlet nur, daß ich voran ins Brautgemach

Die Fackel ſelber trage und am Weihaltar

Die Sühnungsopfer ſchlachte nach dem Feſtgebet.

Ha, brich' dir ſelbſt durch Eingeweid' zur Rache Bahn! Wenn du, mein Muth, noch lebeſt und von alter Kraft Dir etwas blieb, ſo ſcheuch' hinweg die weib'ſche: Furcht; Zieh' an im Geiſt den unwirthbaren Kaukaſus.

Was je der Pontus oder Phaſis ſah von Gräull,

Wird ſeh'n der Iſthmus; denn es ſinnt im Innern mir Der Geiſt auf wildes Unheil, gräßlich, unerhört,

Dem Himmel furchtbar und der Erd', auf Wunden, Mord

28. Es war ESitte, die Neuvermählten unter Fackelſchein in ihre Wohnung zu geleiten. Medea will alſo das Hochzeitsfeſt ſtören und ſogar durch ihre Zauberkünſte den 4 53

Himmel verfinſtern.

Segnend her mit dem Volk, welches die Zungen wahrt. Erſt den Donnerern, die ſchwingen den Stab der Macht,

⁶0 Beut ein weißlicher Stier dar das erhab'ne Haupt. Ungeſtüm und noch nie unter das Joch gebeugt, Sühn Lucina die Kuh ſchneeigen Felles dann. Die im Zaume des Mars blutige Hände hält,

Die den Frieden erwirkt kriegenden Völkern und

65 Birgt im ſtrotzenden Horn Schätze im Ueberfluß, Ihr, der ſanfteren, bringt zarteres Opfer auch. Du, der immer ſich naht ſittigem Brautfeſt und Mit heilkündender Hand ſcheuchet die finſt're Nacht,

Hierher, trunkener Knab', komme im Taumelſchritt,

29. Medea's Vater, Aeetes, war der Sohn des Sonnengottes und der Okeanide Perſeis.

Der Doppelbrandung Ziel heißt Korinth, weil es auf dem Iſthmus liegt, der das Aegäiſche Meer vom Igoniſchen trennt.

Durch Eingeweid'. Sie will ihre Kinder gleichſam als Hochzeitsopfer ſchlachten.

43. Ein unnatürliches, aber den damaligen und auch ſchon früheren Dichtern geläufiges Bild.

44. Phaſis, ein Fluß im Lande der Kolchier(jetzt Rion), der ſich in dem Pontus Euxinus(das ſchwarze Meer) ergießt.

49. Als Jungfrau. ESie denkt an die Zerſtückelung ihres Bruders Abſyrtus.

8.Bahret die Zungen(Favete linguis), d. i. führet gute Reden, war der Zuruf bei allen religiöſen Handlungen an die Anweſenden, damit ſie die Feier nicht ſtörten.

59. Den Donnerern, nämlich Jupiter und den anderen Olympiſchen Göttern.

.. Siehe die Anm. zu V. 2.

66. Ihr, der ſanfteren. Ohne Zweifel hat man hier an Venus, die Liebesgöttin, zu denken; denn wie der Haß den Krieg erzeugt, ſo führt die Liebe den

Frieden und alle ſeine Segnungen den Menſchen zu.

Trunkener Kna', d. i. Hymenäus, der Gott der Vermählung. Er wird dargeſtellt als Knabe oder als Jüngling, geflügelt, mit einer Brautſackel und

einem Schleier in der rechten Hand, größer und ernſter als Eros. Man nennt ihn bald einen Sohn des Apollo und der Muſe Calliope, bald des Bacchus und

der Venus. Die ihm beigelegte Trunkenheit verſinnlicht die Wirkungen des Hochzeitsfeſtes.