Aufsatz 
Medea, Tragödie von Seneca / im Versmaß des Originals übersetzt und mit erläuternden Anmerkungen versehen von dem Gymnasiallehrer Dr. Karl Oßwald
Entstehung
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6 chis ziehen, um die Manen des Phrixus, der dort gefallen war, zu verſöhnen, und das goldene Vließ den Fremden zu entreißen.

5. Mit dieſem Vließ aber hatte es folgende Bewandtniß. In der Stadt Orchomenos in Böotien herrſchte ein König Namens Athamas, gleichfalls ein Aeolide, alſo dem Jaſon verwandt. Dieſer hatte von ſeiner Gattin Nephele(Wolkengöttin) zwei Kinder, Phrixos und Hellez er verſtieß aber nach⸗ her die Nephele und vermählte ſich mit der Ino. Die Stiefmutter verfolgte die Kinder auf alle Weiſe. Um ſie den Ränken derſelben zu entziehen, brachte ihnen Nephele einen goldvließigen Widder, auf dem ſie entfliehen ſollten. Dieſer Widder, den ſie von Merkur erhalten hatte, war von Neptun mit der Nymphe Theophane erzeugt, konnte durch die Luft wandeln und war mit Vernunft und Rede begabt. Die Kinder flohen auf dem Rücken desſelben aus dem unheimlichen Vaterhauſe. Auf der Reiſe aber ſtürzte Helle herab und crtrank in der Meerenge, die nach ihr den Namen Hellespontus erhielt; Phrixus gelangte nach dem fernen Lande Kolchis am Pontus Euxinus und wurde von dem dort herrſchenden König Aeetes gaſtlich aufgenommen. Er opferte den Widder auf Merkur's Befehl dem Jupiter Phyxius(Fluchtgott) und ſchenkte das goldene Vließ dem König, der es an einem Baum im Haine des Mars aufhängte und von einem nie ſchlafenden feuerſchnaubenden Drachen bewachen ließ, da ihm geweiſſagt worden war, er werde ſo lange regieren, als er das goldene Vließ behalte. Phrixus heirathete Chalciope, eine Tochter des Aeetes, zeugte mit ihr mehrere Kinder und ſtarb in hohem Alter in Kolchis; nach einer anderen Sage ward er von Aeetes, einem Orakel zufolge, getödtet.

6. Es koſtete Pelias nicht viel Mühe, den ruhmbegierigen, thatendurſtigen Jüngling zu einem ſo ge⸗ fährlichen Unternehmen zu bewegen. Derſelbe ſagte zu und machte ſich, nachdem er ſeine betagten Eltern beſucht und mit ihnen das Feſt des Wiederſehens gefeiert hatte, alsbald an die Ausrüſtung des Zuges. Die Göttin Juno ſelbſt, die Spenderin des Ruhmes, die ihm in der Geſtalt des Mütterchens früher erſchienen war, und Minerva, die Göttin der Weisheit, förderten ſein Werk. Auf Geheiß der letzteren fällte er auf dem Pelion in Theſſalien Fichtenſtämme, ließ davon ein gewaltiges Schiff erbauen, wie bis dahin die Welt noch keines geſehen hatte, und gab ihm den Namen Argo, die Schnellſeglerin. Zum Maſte nahm er auf Juno's Geheiß aus dem heiligen Haine des Jupiter zu Dodona eine Buche, aus deren Wipfel weiſſagende Stimmen erſchollen.

7. Als das Schiff vollſtändig ausgerüſtet war, beſtellte er zu deſſen Steuermann den ſchifffahrtskundi⸗ gen Tiphys und ließ an alle Helden Griechenlands die Aufforderung ergehen, an dem Zuge Theil zu nehmen. Dieſe meldeten ſich alsbald in großer Anzahl, unter ihnen Herkules, Theſeus, Kaſtor und Pollux, Peleus, Telamon, Orpheus u. a. Unter Jaſons Anführung ſegelten die Argonau⸗ ten von Jolkos in Theſſalien ab und landeten zuerſt in Lemnos, wo ſie mit den Lemnierinnen, die ihre Männer ermordet hatten und von der Hypſipyle beherrſcht wurden, ſich liebend vereinigten. Von da ge⸗ langten ſie nach Samothrake, dann, nach einem Kampfe mit den Tyrrheniſchen Seeräubern, durch den Hellespont zu den Dolionen auf der Inſel Cyzikus, wo ſie der König Cyzikus gaſtlich aufnahm. Als ſie weiter fuhren, warf ein Sturm ſie dahin zurück; in einem nächtlichen Kampfe mit den Dolionen, die in ihnen Feinde wähnten, fiel Cyzikus. Die Göttin Rhea zürnte über deſſen Tod und hemmte die Argo zwölf Tage lang, bis Orpheus die Göttin durch Opfer verſöhnte. Sie kamen nach Myſien und wurden freundlich aufgenommen. Herkules ging aus, um ſich zum neuen Ruder eine Tanne zu holen; ſein Lieb⸗ ling, der ſchöne Hylas ging, um Waſſer zu ſchöpfen, und ward von einer Quellnymphe geraubt; Herku⸗ les und der Lapithe Polyphemus ſuchten ihn und wurden, da die Uebrigen nicht auf ſie warten konnten, zurückgelaſſen. Die Argonauten gelangten nun zu den Bebrykern(im nachmaligen Bithynien), deren Koͤnig Amykus von Pollux im Fauſtkampf erlegt wurde. Um ihren König zu rächen, machten die Bebry⸗ ker einen Angriff; aber die Argonauten ſiegten und fuhren nun nach Salmydeſſus in Thracien zu dem