Eiuleitnu.
Der Stoff zu vorliegender Tragödie iſt der Argonautenſage entnommen. Aus dem vielgeſtaltigen Mythus heben wir in Folgendem diejenigen Züge hervor, die für das Verſtändniß des Stückes zu wiſſen nothwendig ſind.
1. In einem Theile des fruchtbaren, roſſereichen Theſſaliens herrſchte Kretheus, der Sohn des Aeolus. Die kleine Stadt Jolkos war ſein Königsſitz. Ihm folgte in der Herrſchaft ſein Sohn Aeſon, der mit ſeiner Gemahlin Alcimede den Jaſon zeugte. Nicht lange war er im Beſitze ſeiner Macht; denn Pelias, ſein Stiefbruder, ſtieß ihn vom Throne, ließ ihm aber das Leben und verſtattete ihm nebſt ſeinem Sohne den Aufenthalt im Reiche. Der entthronte König aber, für das Leben ſeines Sohnes beſorgt, ſandte ihn auf den Pelion zu dem weiſen Centauren Chiron, der ihn in allen Künſten unterrichtete, welche damals die Söhne der Helden und Könige zu lernen pflegten.
2. Allein Pelias fühlte ſich nicht ſicher im Beſitze des geraubten Thrones und befragte einſt das Orakel, wen er zu fürchten habe. Er erhielt die Antwort:„Wer zu dir kommt, an einem Fuße beſchuhet, den anderen bloß, den fürchte, denn an ihn verlierſt du Thron und Leben.“ Lange Zeit verging, ohne daß er wußte, wie das Orakel zu verſtehen ſei.
3. Jaſon hatte unterdeſſen das zwanzigſte Jahr erreicht und beſchloß als herrlicher, thatkräftiger Jüng⸗ ling, ſeine Eltern aufzuſuchen, die er ſeit ſeiner Kindheit nicht geſehen. Angethan mit einer Leopardenhaut, und mit zwei Lanzen bewehrt, machte er ſich auf den Weg und kam bald zu dem Bache Anauros. Dieſer war gewöhnlich ſo ſeicht, daß man leicht zu Fuß hindurch waten konnte; damals aber war er durch Regen⸗ güſſe zu bedeutender Höhe angeſchwollen. Am Ufer des Baches begegnete ihm eine alte ſchwache Frau und bat ihn, ſie hinüber zu tragen. Jaſon willfahrte ihren Bitten, bemerkte aber, als er am anderen Ufer angekommen war, zu ſeinem Schrecken, daß er nur einen Schuh anhabe, denn den anderen hatte er im Schlamme verloren. Er war troſtlos und glaubte, daß er ſo nicht weiter gehen könne. Allein die Alte beruhigte ihn, hieß ihn ſogar in dieſem Zuſtande vor den König Pelias hintreten, ertheilte ihm noch manchen Auf⸗ ſchluß über ſeine Schickſale und verſchwand hierauf. Jaſon erkannte, daß es eine Göttin war und ging rüſtig weiter.
4. Pelias hatte gerade den ganzen Königshof verſammelt, um dem Poſeidon ein feierliches Opfer darzubringen, als Jaſon plötzlich erſchien. Alles erſtaunte über den ſeltſamen Mann, Pelias aber gedachte alsbald des Orakelſpruches und ward von großem Schrecken ergriffen, da er in ihm den Rächer für ſeinen Frevel ahnte. Jaſon gab ſich ſogleich als den Sohn des Peltas zu erkennen und forderte die geraubte Herrſchaft zurück. Zu feige, ſich ihm offen zu widerſetzen, verſprach ihm Pelias durch einen Eid die Rück⸗ gabe, ſann aber insgeheim auf ſeinen Untergang. Er forderte nämlich von ihm, er ſolle vorher nach Kol⸗


