Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule zu Kassel und die Feier der Einweihung
Entstehung
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Dass die Oberrealschule dabei die verständnisvolle Teilnahme an den Bestrebungen der Gegenwart durch starke Heranziehung der mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächer erzielen will, wird derjenige verständlich finden, der die ungeheuere Entwicklung des modernen Kulturlebens in Betracht zieht; ebenso wie die starke Betonung der neueren Sprachen in einem Augenblicke begreiflich erscheint, wo Deutschland sich anschickt, dem Weltverkehr neue Bahnen zu erschliessen, wo es beim Mitbewerb um den Handel der Welt bereits viele überflügelt hat und Schritte thut, bei der Entscheidung über die Weltherrschaft ein kräftiges Wort mitzusprechen.

In wiefern nun, so frage ich, ist das neue Heim geeignet, uns die Erreichung unseres Zieles zu erleichtern?

Der Unterricht kann erstens anschaulicher gestaltet werden; und das ist von un- geheurer Bedeutung für den Erfolg des Unterrichts. Ist doch die Anschauung die Quelle aller Erkenntnis und der klaren Begriffe. Wie es falsch wäre, den Sprachunterricht in blossem Her- sagen von Regeln, in Betrachtungen über die Sprache bestehen zu lassen, so ist ein physikalischer Unterricht ohne Vorführungen, ohne Versuche, ein Unding, naturwissenschaftlicher oder erdkund- licher Unterricht ohne Anschauung verfehlt. Je mehr Mittel nun zur Veranschaulichung des Unterrichtsstoffes zur Verfügung stehen, desto grösser ist die Aussicht auf den Erfolg des Unterrichts. Nun liefern uns die erweiterten und verbesserten Einrichtungen der physikalischen, chemischen und naturwissenschaftlichen Zimmer viel mehr Veranschaulichungsmittel als früher; insbesondere bietet der Anschluss an die städtische elektrische Leitung die Mittel zu Versuchen, die geeignet sind, das Verständnis der neuesten umwälzenden Entdeckungen auf diesem Gebiete zu vermitteln. Auch die mit der elektrischen Leitung verbundenen Projektionsapparate im physikalischen und im natur- wissenschaftlichen Zimmer werden auf den Unterricht anregend und belebend einwirken. Diese Art des anschaulichen Unterrichtsbetriebs wird dazu mithelfen zu verhindern, dass der Unterricht in öden Wortunterricht ausarte; er wird die Selbstthätigkeit, das Interesse der Schüler wecken; er wird sie die grosse, unschätzbare Kunst lehren, richtige Beobachtungen zu machen und sich auf Grund derselben klare eigene Urteile zu bilden.

Der Unterrichtsbetrieb ruht ferner auf mehr gesundheitlicher Grundlage. Schon der Umstand, dass das neue Haus vom Mittelpunkt des Verkehrs entfernt und dem Geräusche der be- lebten Strasse mehr entzogen ist, wird den Unterricht für Lehrer und Schüler weniger anstrengend und zugleich erfolgreicher machen. Die hohen, luftigen Räume mit ihren Lüftungsvorrichtungen und ihren Beleuchtungsanlagen, der grosse Spielplatz, der zum Tummeln und zu erfrischendem Spiel einladet, der Turnplatz, der das Turnen in freier Luft gestattet alles dies wird dazu beitragen, ein tüchtiges, kräftiges Geschlecht heranzubilden, widerstandsfähig und für die Arbeit gerüstet, ein Geschlecht, das, wenn das Vaterland ruft, nicht blos zur Abwehr bereit, sondern auch geschickt ist.

Ein Drittes endlich! Die hohe Lage des Baus, der umweht ist von stärkendem Winde, umspült von einer Fülle von Licht, die hohen heiteren Gänge, die freundlichen Räume werden den Sinn heiterer, das Herz fröhlicher stimmen. Ein jeder weiss, dass ein Lehrer, der heiteren Ge- müts und fröhlichen Mutes an die Arbeit geht, mehr leistet als ein grämlicher, sorgenbeschwerter Lehrer, der mit sich und der Welt unzufrieden ist. Daher ist es auch gute und weise Politik in Staat und Stadt, die Lage der Lehrer so zu gestalten, dass sie sorgenlos in die Welt blicken können. Denn

Weiter kommet der Mensch, der dem Himmel lachet ins Antlitz, Als wer grämlich sitzt und mit Gedanken sich abhärmt. Lasst uns fröhlich sein; denn zur Freude sind wir geboren!