Aufsatz 
Der Neubau der Oberrealschule zu Kassel und die Feier der Einweihung
Entstehung
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Wahrlich ein schönes Werk hat Cassel geschaffen! Zwar ist allgemein bekannt, dass Cassel von je her viel für seine Schulen gethan hat, aber mit diesem stattlichen und würdigen Bau hat die Stadt sich selbst übertroffen. Die Grösse des zur Verfügung gestellten Platzes, die Höhe der aufgewandten Summe gehen weit über das hinaus, was bisher aufgewendet worden ist; sie zeigen, dass die Stadt Cassel dem guten alten Erziehungsgrundsatz huldigt: Für die Jugend ist das Beste eben gut genug.

Fest gegründet steht der Bau, äusserlich die Mitte haltend zwischen Prunkbau und scha- blonenmässigem Schulbau, im Innern wohnlich, licht und freundlich. Die schönen, hohen Räume, die breiten, hellen Gänge, die geschickte Anordnung der Zimmer loben den Meister, der den Plan ersonnen; die geschmackvolle und gediegene Ausführung rühmen den Fleiss und die Sachkenntnis der mit der Bauleitung betrauten Beamten, sowie der an dem Werk beteiligten Künstler, Hand- werker und Arbeiter. Die schwierige Aufgabe, welche der Bau einer Oberrealschule stellt, haben alle Beteiligten in schönster Weise gelöst. Ein Herzensbedürfnis ist es mir auch, besonderen Dank abzustatten den Kollegen, die mit so grosser Hingebung bei der Einrichtung und Aus- stattung der Räume, insbesondere der physikalischen, chemischen und naturwissenschaftlichen Zimmer, mitgeholfen haben.

In der That war der Neubau für unsere Schule ein Bedürfnis, war doch der Spielplatz im alten Gebäude völlig unzulänglich, waren doch besonders die Einrichtungen für den chemischen und physikalischen Unterricht für die Zwecke der Oberrealschule bei weitem nicht mehr aus- reichend, war doch der Saal im alten Hause so klein, dass sich keiner der anwesenden Lehrer der Anstalt erinnern kann, die ganze Schule darin versammelt gesehen zu haben. Wie anders hier! Der hohe Saal mit seinen farbigen Fenstern, mit seinem prächtigen Kronleuchter und seiner hoch- ragenden Orgel stimmen das Herz weihevoll, heben es über die Alltagsstimmung hinaus. Zwar weiss ich sehr wohl, dass es manchem sparsamen Stadtvaterherzen schwer gefallen ist, die Kosten gerade für diese Einrichtungen zu bewilligen; aber ich bitte zu bedenken, dass die Eindrücke der Umgebung auf das Gemüt der Jugend bleibend und unvergänglich, dass sie in vieler Hinsicht bestimmend für das ganze Leben sind, und dass Schönheit und Ebenmass der Formen und Schön- heit und Harmonie der Töne, wie sie sich im Herzen der Kinder wiederspiegeln, wie sie im Herzen der Kinder wiedertönen, veredelnd und reinigend auf das Herz der Kinder einwirken.

Und in diesem Gebäude sollen wir nun an die Arbeit gehen, an das Werk der Jugend- erziehung, der edelsten Beschäftigung, die es in der Welt giebt, einer Arbeit, die so ungeheuer folgenschwer, von solcher Tragweite für das ganze Staatswesen, für das ganze Volkstum ist, dass Leibnitz, der grosse Philosoph, sagen durfte:Gebt uns die Erziehung und wir werden in weniger als einem Jahrhundert den Charakter Europas verändern.

Doch in dem Augenblicke, wo wir an die Arbeit gehen, drängt sich die Frage auf: und sie ist in diesen Wochen vielfach an mich gerichtet worden Bedeutet dies Gebäude einen Fortschritt gegen das alte? Die Frage ist schon beantwortet: Es wird eine Lust sein in diesem Gebäude zu unterrichten!

Uber das Ziel dieses Unterrichtes, über das, was unsere Schule will, was die Oberreal- schule im Organismus des höheren Schulwesens bedeutet, will ich mich nicht näher auslassen. Lassen Sie mich nur kurz darauf hinweisen, dass die Schule, wie alle anderen höheren Schulen, allgemeine Herzens- und Geistesbildung vermitteln, ihre Zöglinge befähigen will, lebendige, thätige Glieder der Gesellschaft zu werden, und dass sie dieses Ziel zu erreichen sucht durch Darbietung und Betrachtung der modernen Kultur, ohne den geschichtlichen Zusammenhang mit der Ver- gangenheit aus dem Auge zu lassen.