Aufsatz 
Die Wälder Europas während der Tertiärperiode im Vergleich zu denen der Jetztzeit
Entstehung
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bestimmte Pflanzen gebunden sind. Durch sie erfahren wir von dem Vorhandensein von Ga- lium, Myosotis, Rubus, Urtica, Echium, Trifolium, Carduus und Scrofularineen. ¹) Und je mehr sich die Kenntniss über die Wechselbeziehung zwischen Pflanzen- und Insektenwelt erweitern wird, von einer um so grösseren Anzahl von Phanerogamen-Kräutern werden wir, wenn auch nicht beweisen, so doch mit grosser Wahrscheinlichkeit annehmen können, dass sie das Tertiär- land bewohnt und die Einförmigkeit der Wälder gemildert haben. Nach Engler,²) welcher die Identität und nahe Verwandtschaft vieler jetzt lebenden Arten in den verschiedenen Gebieten Amerika's, Asien's und Europa's zum Theil auf Wanderungen während der Tertiärperiode zu- rückführt, muss die Zahl der Phanerogamen-Kräuter eine schr grosse gewesen sein. Durch Insekten werden wir auch belehrt, dass die Hutpilze in den dunklen, feuchten Wäldern des Tertiärlandes häufig gewesen sind. Denn sowohl in den tertiären Ablagerungen von Radoboy³) als in denen von Oeningen finden sich zahlreiche Pilzinsekten. Auffallend ist die geringe Zahl tertiärer Moose und Flechteu. Die Gefässkryptogamen, die in früheren Erdperioden einen so bedeutenden Antheil an der Bildung der Wälder genommen haben, erscheinen in den vier Gruppen der Rhizocarpeen, Farne, Equisetaccen und Lycopodiaceen. Nach wio vor bewohnen sie die Moräste und Gewässer und den Boden des Waldes, aber die baumbildenden Elemente sind grösstentheils verschwunden, nur Lastraea, Alsophila und Cyathea erinnern noch durch ihren baumartigen Habitus an ihre Vorfahren in der Steinkohlenzeit. Die Waldbäume der Tertiär- zeit werden hauptsächlich von Dicotyledonen und Gymnospermen gebildet, die Monocotyledonen mit ihren Palmen, Pandaneen, Pisangs, Dracänen und Bambusen nehmen nur in untergeord- netem Masse daran Theil.

In der umstehenden Tabelle habe ich die tertiären baumbildenden Familien und die Gattungen derselben, incl. der zum Theil strauchartigen, soweit sie mir von siebenzehn tertiären Lokalfloren und von drei grösseren Florengebieten bekannt sind, zusammen- gestellt. Die nur strauchartigen, wie zum Beispiele die im Tertiär sehr verbreitete Familie der Myricaceen, sind nicht berücksichtigt worden. Die Floren der einzelnen Fundorte sind nach ihrem wahrscheinlichen Alter geordnet, was mir zumal bei der*langdauernden Mio- cänzeit zweckmässiger erschien, als eine Anordnung nach dem geographischen Abstande der Lokalitäten. Die aufgeführten Gattungen entsprechen jedoch keineswegs dem vollen Gattungs- inhalte der einzelnen Floren, denn einmal sind mir nur über drei Floren die Originalarbeiten zugänglich gewesen, und diese selbst dürften durch weitere Untersuchungen zum Theil veraltet sein. Dann aber dürfte nur an wenigen Orten wie bei Sagor und Oeningen die Ansammlung und Erhaltung der tertiären Pflanzen eine so umfassende gewesen sein, dass wir jetzt ein voll- ständiges Bild der einstigen Flora bekommen, die meisten Fundorte werden nur Residuen der chemaligen Vegetation erhalten. Um s0 weniger nähert sich die Zahl der genannten Gattungen der Anzabl der Gattungen innerhalb der 78 Familien, welche während der Tertiärzeit an irgend einer Stelle Europas existirt haben. Schimper) allein führt eine mindestens dreimal so grosse Zahl an, obwohl bei ihm nur 66 von den aufgezählten 78 Familien in Betracht kommen. Leider gestattet es mir die wenige mir zu Gebote stehende Literatur nicht, auf die Arten einzugehen,

und doch sind es grade diese, welche den Charakter einer Flora bedingen, da ja die Gattungen den verschiedensten Florengebieten angehören können.

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¹) Heer, O., Die Urwelt d. Schweiz, p. 291.

²) Engler, Versuch einer Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt. I.

³) Unger, Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt. p. 232.

) Schimper, Paléontologie Végétale, Botanischer Jahresbericht 1874. II. p. 648.