I. Die Wälder Europas während der Tertiärperiode.
A. Iuſtemaliſci⸗ Beſtandlſieile.
In der der Kreideperiode folgenden Tertiärzeit gelangen die Dicotyledonen zu grösster Entfaltung. Namentlich sind es die Apetalen, die in einer Reihe von Familien in einem Arten- reichthum auftreten, der die jetzt lebenden, an Zahl weit übertrifft In einer von Uinger!) zur Vergleichung der fossilen Flora mit der gegenwärtigen angefertigten Tabelle kommen bei einer Annanme von 648 fossilen Dicotyledonenarten 35,49% auf die Apetalen, dagegen nur 11,89% auf die Gamopetalen und 52,62% auf die Dialypetalen, während in der Jetztwelt bei einer Annahme von 65,820 Dicotyledonenarten nur 7,39% auf die Apetalen, dagegen 42,94% auf die Gamopetalen und 49,67% auf die Dialypetalen fallen. Wenn nun auch, seit dem Erscheinen jenes Werkes Unger'’s, durch Auffinden vieler neuer fossiler Arten die Zahlenverhältnisse sich geändert haben, so betrügt diese Aenderung doch nicht so viel, dass nicht noch jetzt die Apetalen der Tertiärzeit im Verhältniss zu den Gamo- und Dialypetalen weit überwögen. Wenn sich auch hierin die durch die ganze Entwicklungsgeschichte der Pflanzenwelt sich hinziehende Steigerung der Organisation erkennen lässt, so dürfen wir doch nicht unberücksichtigt lassen. dass von den drei Dicotyledonen-Gruppen die der Gamopetalen die meisten Familien zühlt, welche nur krautartige Gattungen und Arten besitzen, deren Körper wegen ihrer Organisation wenig geeignet sind, fossil conservirt zu werden. Von den von Leunis(Synopsis) angeführten 210 Dicotyledonen-Familien gehören 130 zu den Dialypetalen, 51 zu den Gamopetalen und 29 zu den Apetalen. Von den letzteren sind 13 nur krautartige Familien, wührend die Apetalen 6 und die Dialypetalen 21 nur krautartige Familien besitzen. Von den 40 nur krautartigen Familien der Dicotyledonen sind bis jetzt nur 6 fossil gefunden worden, wogegen von 66 nur strauchartigen oder strauch- und krautartigen 11 und von den 108 baumbildenden Familien der Dicotyledonen(inel. der Gymnospermen) 73 bekannt sind. Darnach kommen auf die ersteren 6,66%, auf die zweiten 12,23% und auf die letzten 81,11%. Das Verhältniss würde sich für die zuletzt genannten noch günstiger gestalten, wenn darunter nicht viele Familien wären, die nur selten baumbildende Gattungen besitzen, so die Boragineen, Compositen, Jasmineen, Vibur- neen, Solaneen, Scrofularineen, Ericaceen, Urticeen und Saxifrageen. Von den 32 Monocotyledonen- Familien, welche Leunis aufzühlt, sind allerdings schon 14 fossil gefunden worden, allein auch hier stehen die 26 nur krautartigen hinter den 6 baumbildenden weit zurück, indem von den letzteren 5 fossil bekannt sind, während von den ersteren nur 9 bis jetzt nachgewiesen sind, und von diesen 9 sind es hauptsächlich diejenigen, welche die Sümpfe, seichten Gewässer und Uferründer bewohnen, deren Uſeberreste deshalb leichter vom Schlamm eingehüllt und so vor rascher Verwesung bewahrt werden konnten. Aus allem ersehen wir, dass die krautartige Phanerogamenvegetation der Tertiärzeit, insofern sie fossil bekannt ist, im Vergleich zu der der Jetztzelt sehr gering ist. Dass eine Reihe von phanerogamischen Kräutern wührend der Tertiär- zeit vorhanden war, darüber belehren uns die aufgefundenen Insecten, von denen ja viele an
) Unger, Versuch einer Geschichte der Pflanzenwelt. p. 223.


