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ihr ermöglicht, ſich zum Himmel zu erheben und alle Sträucher und Gräſer, die ihre Lebenskraft nur aus der Oberfläche erhalten, zu überragen. Solange alſo die höher gebildeten Kreiſe unſeres Volkes und die übrigen Kulturvölker Europas den geiſtigen Zu ſammenhang mit dem klaſſiſchen Altertum noch lebendig fühlen und nachweislich von ihm beeinflußt ſind, ſolange brauchen ſie eine hiſtoriſche und gelehrte Bildung, ſolange müſſen Sprache und Geſchichte des Altertums, Erkenntnis des Griechen- und Römertums aus den Quellen und durch die Quellen einen grundlegenden Teil des höheren erziehenden Unterrichts ausmachen. Das Gymnaſium ſoll Menſchen bilden, die fähig ſind, ſich in allen Berufsarten zurecht zu finden und künftig eine führende Rolle in ihrem Volke zu über nehmen, es kann deshalb nicht einen Zweig bevorzugen, ſondern muß Kenntniſſe fördern, die den Kern deſſen enthalten, worauf unſere nationale, unſere menſchliche Bildung überhaupt beruht, denn ſeitdem die Univerſität faſt ausſchließlich dem Fachſtudium dient, iſt, wie ein trefflicher Schulmann ſagt, das Gymnaſium die eigentliche universitas litterarum geworden.
Doch zum Schluß! ſoviel zu ſagen ich auch noch auf dem Herzen hätte. Daß wir auf dem Gymnaſium unpraktiſche, dem wirklichen Leben abgewandte Grübler und traumverlorene graue Theoretiker erziehen, davor iſt mir nicht bange, dafür wird ſchon das moderne Leben mit ſeinem rückſichtsloſen Intereſſenkampf, mit ſeinem unerbittlichen Kampf ums Daſein ſorgen. Wer aber in dieſen Kampf eintreten muß und einige Ausſicht auf Sieg haben will, dem iſt es gut, wenn er etwas zuzuſetzen hat an idealem, rein wiſſenſchaftlichem, ja dem Praktiſchen abgewandten Sinne, damit er in der ſcharfen Luft dieſes alles zerſetzenden Intereſſenkampfes nicht Schaden erleide und ein Kraftreſervoir habe, aus dem er immer neuen Mut ſchöpfe, in dem materiellen Kampfe nicht zu ermatten.
Sind ſo die Aufgaben unſerer höheren Schulen je nach ihrer Eigenart mannigfach und verſchieden, ſo gipfeln ſie alle doch in der höchſten Aufgabe, ſittliche Perſönlichkeiten, ſittlich freie Menſchen zu erziehen, d. h. Menſchen, die das Richtige und Gute ſtets wählen und tun, eben nur weil es gut iſt, ohne irgend eine äußere Einwirkung oder gar einen Zwang, die aus dieſem Beweg— grund wahre und warme Chriſten ſind und bei aller Treue des eigenen Bekenntniſſes Achtung hegen und Duldſamkeit üben gegen—


