Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
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hörlich nach ihr verändert werden ſollen wohl aber, daß die alten Unterrichtsſtoffe von der Schule immer wieder unter neue Beleuchtung, daß ſie zu dem Geiſt und den Anſchauungen der Gegenwart in Beziehung gebracht werden. Dieſer Pflicht ſind wir Gymnaſial lehrer uns wohl bewußt und wir lehren die Antike heute tatſächlich ganz anders, als dies vor 40 oder 30 Jahren geſchehen iſt. Das wiſſen nur leider die Gymnaſialſchüler von damals nicht und in der verkehrten Vorausſetzung, daß alles noch ſei, wie zur Zeit, als ſie das Gymnaſium beſuchten, eifern ſie gegen dieſe Bildungsſtätte, der ſie doch ihr ganzes geiſtiges Sein verdanken, auch in ihrer heutigen Geſtalt.

Wenn ſo die humaniſtiſche Bildung eine Schutzwehr gegen die immer ſtürmiſcher andringenden Wogen unſerer materialiſtiſchen Zeitrichtung bildet, hat ſie im Dienſte unſerer nationalen Bildung eine noch höhere Aufgabe zu erfüllen.

Wir Deutſchen ſind ein Kulturvolk im eminenteſten Sinne des Wortes. Kultur iſt aber lebendige Geſchichte, ſie iſt nicht von heute auf morgen zu ſchaffen. Und ſo kann niemand unſere Kultur ganz verſtehen, niemand ſie lehren und fortpflanzen ohne Kenntnis des klaſſiſchen Altertums, in dem unſere ganze moderne Kultur wurzelt. Ja Zielinski hat recht, wenn er ſagt:Jeder von uns hat zwei Vaterländer, das eine iſt das Land, nach dem wir uns nennen, das andere iſt die Antike. Das, was die Völker Europas einheitlich verbindet ungeachtet ihres nationalen und Stammesunterſchiedes das iſt ihre gemeinſame Abſtammung von der Antike. Wir denken in gleicher Weiſe, darum verſtehen wir europäiſchen Kultur völker einander, während die Völker, welche nicht zur europäiſchen Kultur gehören, mögen ſie ziviliſiert oder unziviliſiert ſein, weder einander, noch uns verſtehen. Je höher alſo der Zögling dereinſt ſtehen ſoll, je vielſeitiger er einſt in und mit der Gegenwart wirken ſoll, deſto tiefer wird der Einblick in das geſchichtlich Gewordene ſein müſſen, deſto originaler, quellenmäßiger ſeine Kenntnis, ſein Verſtändnis für alles, was der menſchliche Geiſt vor ihm und auch für ihn geleiſtet hat und was er zu hüten und vermehrt als heiliges Vermächtnis dem kommenden Geſchlecht weiter zu geben verpflichtet iſt. Wenn die Eiche ihre Wurzeln tief ins Erdreich verſenkt, auf dem ſie wächſt, ſo tut ſie das nicht, weil ſie zurück in die Erde will, ſondern weil ſie aus dieſem Boden die Kraft ſchöpft, die es