Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
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Nervenkraft der Menſchheit zehren, die Ruhe und innere Sammlung vor lauter aktuellen Intereſſen kaum noch kennt, doppelt notwendig, daß das humaniſtiſche Gymnaſium mit ſeinen nach praktiſcher Verwendbarkeit im Leben nicht fragenden Unterrichtsſtoffen, das mit den Geiſtern einer unglaublich großen Vergangenheit nur in der Abſicht ringt und verkehrt, um ſich innerlich daran zu bereichern, Männer erzieht, die über den wirklichen und ſcheinbaren Erfolgen der Neuzeit nicht vergeſſen, daß es auch noch höhere Güter gibt, daß die Liebe zum Schönen, Guten und Wahren, die Freude an reiner Menſchlichkeit in ehrlicher tiefer Gottesfurcht allein es iſt, was dem Menſchen den inneren Frieden, die ruhige Klarheit des Lebens geben kann, ohne die der Menſch unaufhaltſam den unheil vollen Mächten der Finſternis, der Genußſucht und der Habſucht und ſchließlich einem troſtloſen Peſſimismus verfällt. An der luxuria und avaritia iſt das große Rom zugrunde gegangen, Gott bewahre unſer Vaterland vor dieſen alles Edle vernichtenden Kräften. Ernſt und gefährlich genug iſt die Zeit, in der wir leben, und gerade wir Preußen ſollten aus der Geſchichte wiſſen, daß eine karge Jugend die Amme großer Männer iſt und daß in Einfachheit und Entſagung die ſtarken Wurzeln unſerer Kraft liegen. Soll ich Sie daran erinnern, daß der Urgroßvater unſeres Kaiſers in der traurigſten Zeit der preußiſchen Geſchichte in ſeiner Hauptſtadt eine Univerſität gegründet hat? Nein, wer den erquickenden Trunk aus dem ewig ſprudelnden Jungbrunnen antiken Geiſteslebens und antiker Schönheit kennen gelernt hat, der iſt gefeit gegen den nackten Nützlichkeitsſinn unſerer Zeit, der wird ſeine Seele nie den Götzen des Tages opfern. Die Gegner der Gymnaſialbildung weiſen ſo gerne auf die praktiſchen Amerikaner hin, die an Kühnheit und Energie aber auch an Skrupelloſigkeit im Gelderwerb alle Völker der alten und neuen Welt übertreffen, aber ſie überſehen, daß Amerika eine noch junge Geiſteskultur hat und daß jetzt ſchon eine ſteigende Wertſchätzung der alten Sprachen und gerade des Griechiſchen in immer weileren Kreiſen unverkennbar iſt, ja James Ruſſel, der Vorſtand des Lehrerbildungsweſens im Staate New⸗Hork, nimmt in einem umfangreichen Werke über die deutſchen höheren Schulen offen für unſer klaſſiſches Bildungsideal Partei, als deſſen letzten Hort er Deutſchland betrachtet. Freilich iſt es unweigerlich das Recht jeder Zeit zu verlangen nicht, daß die Unterrichtsſtoffe unauf