Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
Einzelbild herunterladen

10O

die den wahren Wert des Menſchenlebens ausmachen, die das Leben erſt lebenswert geſtalten, die den verborgenen Tiefen der Menſchen⸗ und Volksſeele entſteigenden ſittlichen Kräfte und Regungen der Gottesliebe, Nächſtenliebe, Vaterlands⸗ und Elternliebe, Kräfte die ebenſo unbeſtreitbar vorhanden und ebenſo unleugbar wirklich und in unabläſſiger Wirkſamkeit ſind, wie die meßbaren Natur kräfte der Schwerkraft und der Elektrizität, Kräfte, die ſich der Kunſt des Meſſens und Wägens zwar entziehen, aber gegenüber den Naturkräften in ihren Wirkungen nicht zu unterſchätzen ſind. Mag auch der im einſamen Studierzimmer, im Laboratorium ſchaffende gelehrte Naturforſcher noch ſo frei von jeder Regung des Eigennutzes ſein und nur vom reinen Forſchungseifer, von dem edelſten Streben, die Wahrheit über den urſächlichen Zuſammen hang der Dinge, der Kräfte Haſſen und Lieben zu ergründen getrieben, in die innerſten Geheimniſſe der ſchaffenden Natur ein zudringen bemüht ſein, es läßt ſich doch nicht leugnen, daß die Reſultate ſeiner Wiſſenſchaft, wenn auch oft dem Forſcher nicht ſelbſt, doch dem Einzelnen und dem Ganzen greifbare materielle Vor teile ſchaffen, und daß eine Zeit, deren Intereſſe lediglich der Welt der Objekte und ihrer Zuſammenhänge lebt, unwillkürlich den Charakter des Utilitarismus erhält, d. h. geneigt iſt, alle Dinge vorherrſchend unter dem Geſichtspunkt des Nutzens zu betrachten, ja ſchließlich zu einer Lebensauffaſſung führt, deren Auswüchſe wir zur Zeit an den Engländern und Amerikanern zu eindringlicher Belehrung ſtudieren können. Wer mit bloß hiſtoriſcher Forſchung ſich abgibt, bei der nichts herauskommt, wer keine börſenfähigen Werte ſchafft, auf den ſieht man mit lächelnder Geringſchätzung, mit einem bedauerlichen Achſelzucken herab und wie nahe liegt die Gefahr, daß der, der alle Dinge nur mit den Augen des Natur forſchers zu ſehen gewohnt iſt, auch zu ſchiefer Auffaſſung der ſozialen und politiſchen Verhältniſſe gelangt, weil er auch dieſe nur als das durch Rechnung zu gewinnende Produkt einer Anzahl nachweisbarer Faktoren verſtehen will.

Gewiß bedarf ein Volk eines gewiſſen Wohlſtandes, um den Forderungen der Kultur leben zu können, aber dieſer Wohlſtand ſoll nicht der Endzweck, der Gelderwerb ſoll nicht das Höchſte ſein, wonach ein Volk ſtrebt. Deshalb erſcheint es mir gerade in unſerer haſtigen, zerfahrenen Zeit mit ihrer Unruhe und Unraſt, die an der