Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
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zeugung möchte ich gerne in Ihnen aufs neue erwecken und befeſtigen. Das humaniſtiſche Gymnaſium iſt meines Erachtens auch heute noch ein Bedürfnis, denn es iſt unentbehrlich als eine Schutzwehr gegen die immer mächtiger werdende materialiſtiſche Zeitauffaſſung, es iſt notwendig für die Bewahrung des idealen Sinnes des deutſchen Volkes und die Erhaltung unſerer nationalen Bildung.

Solange die politiſchen und ſozialen Verhältniſſe unſeres Vaterlandes im argen lagen und den führenden Geiſtern unſerer Nation keine Gelegenheit boten, auf dieſem Gebiete ihre Kräfte zu betätigen, zogen ſich dieſe eben auf ſich ſelbſt zurück, wandten ihren Blick von den realen Aufgaben der wenig befriedigenden Außen welt ab und ergaben ſich der Spekulation, der Beſchäftigung mit rein geiſtigen Dingen, von der unerfreulichen Gegenwart ſchweifte ihr Blick in die ſonnigen Zeiten des klaſſiſchen Altertums. So kam es, daß in der Zeit des größten politiſchen Niedergangs unſerer Nation die ſogenannten Geiſteswiſſenſchaften, Philoſophie, Literatur, Geſchichte ihre größte Blüte erreichten und das bei der Teilung der Welt zu kurz gekommene Volk der Denker und Dichter ſich den Vor⸗ wurf der unpraktiſchen Träumerei gefallen laſſen mußte. Das wurde anders, als mit der glorreichen Aufrichtung des deutſchen Reiches und der dadurch neu gewonnenen politiſchen Bedeutung Deutſch lands unſer Volk wieder ſich auf die praktiſchen Aufgaben beſann, die ſeine zurückgewonnene beherrſchende Stellung in der europäiſchen und in dem letzten Jahrzehnt auch ſeine Stellung in der Welt⸗ politik für die Nation unabweisbar machte. Mit einem ſtaunens werten Fortſchritt in den Naturwiſſenſchaften ging ein nie geahnter Aufſchwung auf techniſchem Gebiet, in Handel und Induſtrie Hand in Hand, Deutſchland wurde aus einem armen Lande ein ſehr wohlhabendes Land, und nun trat eine völlige Umkehr der Dinge ein, an die Stelle der übertriebenen Wertſchätzung des Idealismus trat eine ungeſunde Bevorzugung materieller Güter. Dieſe in den letzten Jahrzehnten unbedingt herrſchend gewordene Richtung der Geiſter, die Kräfte der Natur zu ergründen und dem Menſchen leben nutzbar zu machen, birgt aber nach zwei Richtungen eine große Gefahr in ſich, ſie führt zunächſt nur zu leicht dazu, über haupt nur noch zu ſchätzen, was ſich mit Maßſtab und Wage meſſen und wägen läßt, während es doch gerade die Imponderabilien ſind,