Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
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immer wieder zuſammenführen und immer wieder allen Gegen⸗ ſätzen zum Trotz Frieden und Einigkeit finden laſſen, die zwei Grundbedingungen, von denen aller Erfolg unſerer Arbeit abhängt.

Und auch mein Verhältnis zu Euch, geliebte Schüler, ſoll es das rechte ſein, unſer Verhältnis zu einander muß auf dem feſten Grunde des Vertrauens ruhn; Vertrauen erwirkt man aber durch Wahrhaftigkeit, Wahrhaftigkeit im Denken, Reden und Handeln, man verſcherzt es durch Unaufrichtigkeit und Lüge; die Lüge ver⸗ wandelt das Vertrauen in Mißtrauen und iſt eine Tochter der Feigheit, alſo von niederer Herkunft, und wirkt erniedrigend, die Wahrheit iſt die Tochter des Mutes, ſie adelt und macht den, der ſie übt, zum vornehmen Manne. Mit Iphigenie rufe ich Euch deshalb zu: Weh,

O weh der Lüge! Sie befreiet nicht,

Wie jedes andre wahr geſproch'ne Wort,

Die Bruſt; ſie macht uns nicht getroſt, ſie ängſtiget Den, der ſie heimlich ſchmiedet, und ſie kehrt,

Ein losgedrückter Pfeil, von einem Gotte

Gewendet und verſagend, ſich zurück

Und trifft den Schützen.

Die Lüge vernichtet die Achtung vor dem, deſſen Klugheit wir überliſtet zu haben glauben, und ſie vernichtet, was noch ſchlimmer iſt, auch die Selbſtachtung. Hütet Euch daher vor der Unwahrheit in jeglicher Geſtalt. Wenn Ihr den moraliſchen Mut findet, Euch zu dem, was Ihr getan, ehrlich zu bekennen, ein Ver⸗ gehen, einen Fehler offen einzugeſtehen, in jedem Falle die Wahrheit zu ſagen, ſo entwaffnet Ihr unſeren gerechten Zorn und gewinnt, ſelbſt wenn wir ſtrafen müſſen durch Freimut und Wahrheits liebe unſere Achtung. Seht alſo nicht in mir Euren Widerſacher, den Feind Eurer Freiheit, ſondern Eueren beſten, Eueren auf⸗ richtigſten väterlichen Freund.

Ehe wir nun aber an die gemeinſame Arbeit gehn, können Sie, hochverehrte Anweſende, billigerweiſe verlangen, den Kurs kennen zu lernen, den das Schiff einſchlagen ſoll, dem Sie Ihr Heil anvertrauen und zu deſſen Beſteigung Sie der Steuermann einlädt, und werden es nur natürlich finden, daß ich Ihnen meine Anſicht über die Aufgaben des humaniſtiſchen Gymnaſiums und ſeine Stellung zu den Forderungen der Gegenwart, ſo gut, wie