Aufsatz 
Antritts-Rede des Direktors, gehalten am 2. Juli 1907 in der Aula des Königlichen Gymnasiums zu Dillenburg
Entstehung
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2 es mir in der kurzen Zeit, die mir zu Gebote ſteht, möglich iſt, auseinanderſetze.

Wir leben heutzutage in einer Zeit, in welcher dem höheren Schulweſen von allen Seiten ein ganz beſonders reges Intereſſe entgegengebracht wird; das hat vor allem vielleicht darin ſeinen Grund, daß Se. Majeſtät unſer allergnädigſter Kaiſer und König zu wiederholten Malen den lebhafteſten Anteil an ſolchen Fragen bekundet, ja mehrfach ſelbſt perſönlich in die Beratungen über die künftige Geſtaltung unſeres öffentlichen Unterrichtsweſens ein⸗ gegriffen hat, zudem hat ja das Haus, die Familie an keiner öffentlichen Inſtitution ein ſo perſönliches ſachliches und geiſtiges Intereſſe, wie an der Unterrichtsanſtalt, der ſie ihre Söhne zur geiſtigen Ausbildung und zur Erziehung für das Leben anvertraut, und zuletzt, wenn auch nicht am wenigſten, iſt in immer weiteren Kreiſen das Verlangen laut geworden, die höhere Lehranſtalt, die die Gebildeten der Nation uns geben ſoll, mehr als es ſeither geſchehen, den Forderungen des modernen Erwerbslebens und ſeinem beiſpielloſen Aufſchwung anzupaſſen. In dieſem an ſich gewiß be rechtigten Streben iſt man aber gegen das humaniſtiſche Gymnaſium, als deſſen warmen Freund und überzeugten Verteidiger ich mich Ihnen bekenne, nicht immer gerecht geblieben.

Fort mit dem Gymnaſium, ſo tönte der immer eindringlicher und allgemeiner werdende Ruf,denn es paßt nicht mehr in unſere praktiſchen Intereſſen zugewandte Zeit, es erzieht uns Männer, die für das moderne Leben und für die Hebung des Nationalwohl⸗ ſtandes nicht genügend ausgerüſtet, ja hinderlich ſind. Wir befinden uns im Zeitalter der Technik und des Verkehrs, der praktiſchen Betätigung geiſtiger und körperlicher Kräfte auf allen Gebieten, in der Zeit der Naturwiſſenſchaft. Wir haben aufgehört die dichtenden und träumenden Deutſchen zu ſein, wir müſſen handeln und im Wettbewerb der Völker uns Ellenbogenraum ſchaffen. Was ſoll uns da noch die Erlernung toter Sprachen, das Verſenken in die Geiſteswelt des Altertums? Lebende Sprachen, Mathematik und Naturwiſſenſchaften müſſen die beherrſchenden Unterrichtsſtoffe werden. So riefen die Gegner des humaniſtiſchen Gymnaſiums und als zweites gewichtigeres Argument fügten ſie hinzu:Eine gymnaſiale Bildung iſt nicht national, ſie iſt geeignet, das Vater landsgefühl des deutſchen Knaben und Jünglings zurückzudrängen,