Aufsatz 
Einige der vorzüglichsten Ursachen des altrömischen Tugendsinns : 2. Stück
Entstehung
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Aber noch an einem heiligeren Orte ſollte die feierliche Handlung ſank⸗ tionirt werden. In andachtsvoller Stimmung ſtieg die Prozeſſion zum Ka pitol hinauf; man brachte im Tempel der Nationalgottheit Opfer und Ge⸗ lübde dar, und erflehte für den jungen Staatsbürger ihre Segnungen. Nun zog man vom Kapitol in das väterliche Haus zurück, der Sohn wur⸗ de reichlich beſchenkt und die Feierlichkeit endigte ſich mit einem feſtlichen Mahle, wobei man ſich mit Thatſachen aus der Landes⸗ und Familienge⸗ ſchichte unterhielt, deren Erwähnung allein ſchon dem Jünglinge dieſen Tag hätten wichtig machen müſſen.*)

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Wer mit dem jugendlichen Herzen und deſſen Gefühlen und Regungen nur von geſtern her bekannt iſt, kann über die Zweckmäßigkeit dieſer römi ſchen Nationalanſtalt unmöglich in Abrede ſeyn. Der Jüngling ward vor den Augen ſo vieler würdigen, von ihm geachteten, Menſchen, er ward gewiſſermaßen im Angeſichte der Nation auf die feierlichſte Weiſe zum Staats⸗

) Daß der römiſche Jüngling, wie einige behaupten, die männliche Toga in der Regel auf dem Kapitol angenommen habe, beruht auf mißverſtandenen Stellen. Denn wenn Valerius Max. v, 4. ſagt: IHanc pietatem aemulatus M. Cotta, eo ipso die, quo

togam sumsit virilem, protinus ut e Capitolio descendit, Cn. Carbonem, a quo pa-

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ter ejus damnatus fuerat, Postulavit, ſo wird durch dieſe Stelle jene Meinung keines

wegs begründet. Kotta gieng zum Kapitol hinauf, nicht um die Toga daſelbſt anzu⸗

nehmen: denn dieß war ſchon auf dem Forum geſchehen, ſondern weil daſelbſt das

größere Opfer für ihn dargebracht wurde. Nach dieſem Opfer alſo gieng er wieder

vom Kapitol herab. Auch die Stelle bei Sueton Claud. 2. beweiſt nicht das mindeſte: 4 Et togae virilis die, circa mediam noctem, sine soleuni officio, lectica in Capito- lium latus est. Man befürchtete, Klaudius, dieſer Schwächling an Leib und Seele, möchte ſich auf dem Forum bei der öffentlichen Annahme der Toga albern benehmen. Man gieng daher, um dieſem unangenehmen Auftritte auszuweichen, von der Regel reinabr und nahm in mitternächtlicher Stille, ſogar ohne die gewöhnliche feierliche Beglei⸗ tung(sine solenni officio), auf dem Kapitol die Ceremonie mit ihm vor.

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