Aufsatz 
Einige der vorzüglichsten Ursachen des altrömischen Tugendsinns : 2. Stück
Entstehung
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Zeit! Alles zeigte ſich ihm, mochte er in die Gegenwart blicken oder ſeiner Zukunft gedenken, in roſenfarbnem Lichte; alles, ſelbſt die Tod⸗ ten, halfen ihn bilden; alles, was ſeinetwegen geſchah, weckte und nährte den Gedanken in ihm, daß er beſtimmt ſey, in der großen Kette, die das Vaterland zuſammenhielt, ein höchſtwichtiges und unentbehrliches Glied zu werden. Nicht blos Aeltern und Verwandte und Lehrer, die Nation ſelbſt intereſſirte ſich fuͤr ihn. Die angeſehenſten Bürger, gleichviel ob Helden oder Staatsmänner oder Privatleute, würdigten ihn ihres vertrauteren Um gangs und ſahen es als einen Theil ihres Berufes an, ihm Stunden und Tage zu weihen. Ueberall, wo er den Blick hinwendete, ward er an die Bemühungen und Verdienſte großer Vorfahren erinnert und zum voraus zu hbeiligen Entſchließungen veranlaßt. Wandelte er durch die Hallen ſeiner Stadt, ſo wurden durch die Thaten der Väter, die er hier in meiſterhaften Gemählden aufgeſtellt fand, die heißeſten Gefühle für das Vaterland in ihm geweckt; gieng er über öffentliche Plätze, ſo beſchäftigten die Statüen der Patrioten auf die wohlthätigſte Weiſe ſeine Phantaſie; befand er ſich in der Stille der Nacht, ſo halfen noch dann die ihm vorſchwebenden Bilder des Tages den Kreis ſeiner Empfindungen erweitern.

Kann man gleich nicht ſagen, daß bei den Nationen der Vorwelt alles, was auf die Geſinnungen und Entſchließungen, auf das Ehrgefühl und auf den ganzen Charakter des Jünglings unausbleiblichen Einfluß haben mußte, blos ſeinetwegen vorhanden war, ſo iſt doch auf der andern Seite keines weges zu läugnen, daß mehrere ihrer Anſtalten einzig und allein die Bil dung der ſchon erwachſenen Jugend zum Zwecke hatten. Bei manchen ſogar, die in andern Hinſichten durchaus nicht zu den policirten gezählt werden können, war dieß zuweilen der Fall; aber bei den aufgeklärten deſto mehr, beſonders bei Griechen und Römern.