Aufsatz 
Einige der vorzüglichsten Ursachen des altrömischen Tugendsinns : 1. Stück
Entstehung
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5 erſehen, die bei ihrer vorſichtigen und weiſen Erzlehung auf dem natürlichſten Wege auch in die Herzen der Kinder einwurzeln mußten: kurz, ſie würden bei den Römern eine Achtung für Tugend und Rechtſchaffenheit entdeckt haben, die ein Volk, bei welchem ſie einmal zum Nationalcharakter geworden iſt, nicht ſobald zum Laſter herabſinken läßt, die der Kinder Unſchuld und Sitt⸗ ſamkeit als ein vaterländiſches Heiligthum bewahrt und zum voraus eine Nach⸗ kommenſchaft verſpricht, die dem Urbilde der Väter gleicht. Unwillkührlich dringt ſich hier wohl jedem, der in der römiſchen Ge ſchichte nicht ganz fremd iſt, die tragiſche Scene auf, die der Decemvir Appius veranlaßte. Welchen lebhaften Antheil ſehen wir ganz Rom an der Gefahr nehmen, wovon die Unſchuld der liebenswürdigen Virginia bedroht war! Wie unwiderſprechlich beweiſt dieſe allgemeine Theilnahme, die man, Trotz dem Terrorismus der Decemviralregierung, ſelbſt auf dem Forum vor den Augen des lüſternen und blutdürſtigen Appius laut genug an den Tag legte, von welchem zarten Gefühle für Tugend und Sittſamkeit die damaligen mer durchdrungen waren!*) Stärker und anſchaulicher noch überzeugt uns hiervon das Benehmen des unglücklichen Vaters. Denn jene ſtürmiſche, unaufhaltſame Schnelligkeit, womit Virginius, ſo bald er die Ehre ſeiner Tochter in Gefahr wußte, aus dem Lager nach Rom eilte, jene überſtrömende Beredtſamkeit, mit welcher er ſeine Vateranſprüche unwiderleglich bekräftigte, *) Warum will man einem edlen Volke einen Charakterzug, der ohnehin bei dem damaligen Geiſte der Römer gar nicht befremden kann, ſchlechterdings abſprechen und die oben geprieſene Theilnahme blos aus dem Haſſe der Plebejer gegen die Patricier herleiten? Die Erbitterung der erſteren brach freilich durch den unglücklichen Ausgang dieſer Ge⸗ ſchichte in volle Flammen aus; aber bei der Gefahr der tugendhaften Römerin intereſſirte man ſich aus edleren Empfindungen für ſie, als blos aus Haß gegen die Patricier. Die hiſtoriſche Kritik zeigt ſich in der That von keiner eipfehlenswürdigen Seite, wenn ſie die edleren Triebfedern der menſchlichen Handlungen wegzuphiloſophiren ſucht. Wie⸗

land meint es beſſer, der einen, nicht von der vortheilhafteſten Seite bekannten, hiſtori⸗ ſchen Charakter lieber in Schutz nimmt und rettet.