Dem Vortrefflichen gegenüber gibt es keine Freiheit als die Liebe. Fr. Schiller.
Friedrich Schiller!— Welche Empfindungen beseelen uns, wenn wir diesen Namen hören? Ist es Staunen? O nein! Nicht eine unbegreifliche, wohl aber eine völlig ver- traute Erscheinung ist uns der Träger dieses Namens. Ist's Bewunderung? Das genügt uns nicht. Bewunderung ist eine kühle Empfindung. Kalt bleiben aber kann kein Deutscher, wenn er seines Schillers gedenkt. Ist's Dankbarkeit? Auch das füllt unsere Seele nicht. Nur zu leicht mischt sich die Dankbarkeit mit dem drückenden Gefühl der Abhängigkeit, der Verpflichtung. Gedrückt darf sich niemand fühlen, der den Namen Schiller nennt. Nein! Warmherzige Liebe ist es, die unser Herz durchrieselt, wenn wir diesen Namen hören oder sprechen. Und uns ist, als sollten wir die Arme breiten und den Herrlichen an unsere Brust drücken. Denn er ist unser.— Aber noch etwas anderes ist es, was der Klang jenes Namens auf uns wirkt. Es ist ja eines Dichters Name. So belebt er unsere Phantasie. Beflügelt entführt sie uns zunächst ins Reich der Sage. Wir kommen zu den Nibelungen. Vom Helden Siegfried entleihen wir die Tarnkappe. Sie macht uns unsichtbar. So werden wir ungesehen Zeugen einer Reihe von fesselnden Szenen. Unsere Phantasie entführt uns aber auch in entlegene rter und vergangene Jahre. Wie man einen solchen Spaziergang durch ferne Räume und ferne Zeiten macht, das hat uns ja keiner besser gelehrt als— Friedrich Schiller.
So laßt uns unsere Wanderung beginnen. Es ist der Anfang Dezember des Jahres 1759. Fühlbar macht sich die Kühle des Winters geltend. Wir nahen einer kleinen Schwabenstadt. Marbach ist sie geheißen. Sie liegt ummauert auf mäßig hohem Hügel. Wir streben dem alten Niklastore zu und machen in dessen Nähe vor einem schlichten Häuschen Halt. Leise eintretend öffnen wir eine Tür und stehen in einer Kinderstube. Der Raum ist leidlich erwärmt, die Ausstattung sehr bescheiden. Not herrscht nicht, aber Schmalhans scheint im Hause Küchenmeister zu sein. In der Mitte steht ein Kinderbettchen. Darin liegt ein kleiner Knabe von etwa drei Wochen. Ein zweijähriges Mägdlein lugt neugierig und liebevoll zu dem kleinen Kerl in der Wiege. Daneben steht eine hochgewachsene, schlanke, rotblonde Frau mit edlen Zügen. So lernen wir Friedrich Schiller, sein Schwesterchen Christophine und seine Mutter Dorothea kennen. Wir suchen im Antlitz der Frau zu lesen. Aus ihren Augen blickt ein Schein verträumter Liebe. Sie schaut zärtlich in des Knaben Zukunft und träumt wohl vom Riesen zu Marbach, der in ihrem Sohne wiedererstehen soll, aber nicht wie in Vorzeiten ein Riese an Leib, sondern ein Riese an Geist. Um ihren Mund aber liegt ein Zug


