Aufsatz 
Heinrich Matzat. Eine biographische Skizze
Entstehung
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ſo daß ich nicht anſtehe ſie ſeine erſten Werke zu nennen. Die Bewunderung, die uns die Fein⸗ heit und Genauigkeit der Ausführung abnötigen, wird noch übertroffen durch das Staunen über den Fleiß. Aber das ſind Senſationen, die nicht los wird, wer Matzats Arbeiten betrachtet.

Nach wohlbeſtandener Maturitätsprüfung bezog er, faſt ſchon 21 Jahre alt, die Univerſität Berlin. Nicht das Verlangen die Welt zu ſehen trieb ihn in die Ferne, obſchon es bei einem Geographen beſonders lebhaft wird vorausgeſetzt werden dürfen, ſondern der Umſtand, daß Berlin damals die einzige(preußiſche, oder gar deutſche?) Univerſität war, welche ſich eines geographiſchen Katheders erfreute. Er wollte Kiepert hören, eine Autorität erſten Ranges in ſeinem Fache, ein unerreichter Kartograph, ein beneidenswerter Polyglotte. Er fand ſeine Erwartungen nicht getäuſcht, höchſtens nur inſofern, als er wenige fand, gleich ihm begierig, den Lehren ſeines Meiſters zu lauſchen. Außer den geographiſchen wird er noch hiſtoriſche und philoſophiſche Kollegia beſucht haben, ohne daß er bleibende Eindrücke oder tief wirkende Anregungen empfangen hätte. Wie er ſich in Berlin vier Semeſter hindurch zu den Ferien reiſte er nach Hauſe, der Billigkeit wegen 4. Klaſſe hat halten können, weiß ich nicht, gewiß aber iſt, daß es nur mit den größten Entbehrungen, in denen er ſchon ſo viel geleiſtet hatte, geſchehen konnte. Er hauſte zuſammen mit einem jungen Muſikus, der gleich ihm aus Gumbinnen war und den das Studium ſeiner Kunſt in die Hauptſtadt getrieben hatte. So hungerten Wiſſenſchaft und Kunſt um die Wette, ſich gegenſeitig zu ſtets geſteigerten Leiſtungen ermutigend. Sie haben ſich gegenſeitig gefördert. Matzat verdankt dem jungen Bernecke die Einführung in das Verſtändnis Richard Wagners und viele frohe Stunden, wo er in der Dämmerung den Phantaſien des begabten Freundes lauſchte, die ihn weit weg trugen aus dem teil⸗ nahmsloſen nimmer raſtenden Getriebe der Hauptſtadt zu dem ſtillen Famillienkreiſe der Heimat. Dort ſitzt die Braut beim trüben Talglicht und denkt ſeiner, und er zündet nun auch die Lampe an, ſchlägt den aus der Kgl. Bibliothek entliehenen Goethe, den er jetzt vorzugsweiſe lieſt, auf und wo er beſonders ſchöne und tiefe Gedichte, Verſe oder Sentenzen findet, ſchreibt er ſie mit den ſauberen, gleichmäßigen Zügen ſeiner Handſchrift, die ſein Weſen ſo trefflich charakteriſieren, in ein geſchmackvoll gebundenes Buch von ſtattlichem Umfang, das er bei ſeiner Rückkehr der Geliebten überreichen wird zum Mitgenuß. So iſt Matzat ein Goethekenner geworden. Die Armut hat an ſeiner Wiege geſtanden und als Patengeſchenk ſchob ſie ihm in die Wickel die Kunſt aus der Not eine Tugend zu machen. Da er ſich die teuren Bücher nicht kaufen konnte, ſo excerpierte er das Wiſſenswerte und trug es in prägnanten Worten in billigere Grundriſſe, die er ſich mit Papier hatte durchſchießen laſſen. Dieſe Jahre hindurch fortgeſetzte Uebung hat ſeinem Geiſte wunderbare Fähigkeiten verliehen, die die Schnelligkeit und Sicherheit ſeiner Produktion erklären: er fand ſofort das Wichtige heraus, er faßte es in einen knappen, aber adäquaten Ausdruck, und, geübt im logiſchen Denken, erblickte ſein Geiſt den einzelnen Gedanken im weiten Zuſammenhange mit denen, die ihm zum Fundamente dienen, wie mit denen, die er trägt. Dem entſpricht auch ſein Stil: ohne Fülle, vielmehr knapp und ſcharf, des rechten Wortes nie ermangelnd, ſchlagend.

Nachdem er ſo vier volle Semeſter ſeinem bevorzugten Studium gewidmet hatte, bezog er zum Herbſt 1868 die preußiſche Univerſität Königsberg, um noch drei weitere Halbjahre der Geſchichte und der Philoſophie obzuliegen. Er war bei dieſem Wechſel vom Glücke begünſtigt, denn er fand dort zwei Dozenten, wie er ſie ſich nur wünſchen konnte. Der Hiſtoriker Nitzſch eröffnete ihm ein tieferes Verſtändnis nicht nur der alten Geſchichte, ſondern vor allem der mittelalterlichen, was ſpäter ſeinen Geſchichtsbüchern ſehr zuſtatten gekommen iſt. Nicht minder bedeutend war der Eindruck, den der Philoſoph Ueberweg auf ihn machte, und wenn in ſeiner Gedankenwelt das formale Princip eine immer mehr hervortretende Rolle ſpielte, ſo hat man darin den nachhaltigen Einfluß zu ſehn, den dieſer Denker, der leider der Wiſſenſchaft zu frühe durch den Tod entriſſen wurde, auf ihn ausgeübt hat. Kiepert, Nitzſch und Ueberweg. das iſt das Dreigeſtirn, das ihm auf ſeinen wiſſenſchaftlichen Pfaden geleuchtet hat, und es iſt ſchwer zu ſagen, wem er von ihnen mehr verdankt. Uebrigens lenkte er bald die Aufmerkſamkeit der Univerſitätskreiſe, der Dozenten ſowohl, wie der Studenten, auf ſich. War er nicht in der Gelehrten-Centrale ſeiner Provinz, Oſt⸗ uud Weſtpreußen, der einzige, der aus der Geographie ein tief dringendes Studium gemacht hatte? Mit Staunen ſah man hier einen Studioſus, der auch einen Profeſſor hätte lehren können, wie man auf Entdeckungsreiſen verfährt, um das zur richtigen Kartographierung nötige Material zu gewinnen, oder wie ein Gradnetz zu konſtruieren iſt, u. dgl. mehr. Und einige Müßige zerbrachen ſich bei reichlichen Schoppen ſchon die⸗

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