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211 Aus der Vorgeschichte unséres Kalenders.
1) Das Schaltsystem der Decemvirn.
Der erste feste Punkt für alle Forschung über römische Chronologie findet sich bei Cicero de republ. I, 16: Solem lunae oppositu solere deficere... ne nostrum quidem Ennium fugit. Cui ut scribit, anno trecentesimo Quingquagesimo fere post Romam conditam
— nonis Junis soli luna obstitit et nox.
Atque in hae re tanta inest ratio atque sollertia, ut ex hoc die, quem apud Ennium et in mavimis annalihus eonsignatum videmus, superiores solis defectiones reputatae sint. Diese Sonnenfinsternis ist die des julianischen 21. Juni 400 v. Chr. 1)
Den zweiten festen Punkt bietet Livius XXXVII, 4 zum Jahre Roms 564 varronischer, d. i. gemeiner Zühlung(im Folgenden von mir durchweg mit V bezeichmet): Ludis Apollinaribus, ante diem quintum idus Quinctiles, caelo sereno interdiu obscurata lur est, cum luna sub orbem solis subisset. Diese Sonnenfinsternis ist die des julianischen 14. März 190 v. Chr. 2)
Drittens kennen wir auch hinlänglich genau den Kalender, dessen die Römer sich in der Zeit zwischen beiden Terminen bedient haben. Es ist der wahrscheinlich von dem zweiten Decem- virat eingeführte, nach welchem jedes zweite Jahr in den Februarius ein Schaltmonat, das eine Mal von 22, das andere Mal von 23 Tagen eingefügt wurde, so dafs ein vierjähriger Cyklus von fol- gender Gestalt herauskam:
¹) Zuerst genügend berechnet von Zech, Astronomische Untersuchungen über die wichtigeren Finster- nisse, welche von den Schriftstellern des klassischen Alterthums erwähnt werden, 1853, 8. 58— 61; dann von Hlansen in den Notices of the R. Astron. society 1857, Vol. XVII, p. 55 und der Darlegung der theoret. Berechnung der in den Mendtafeln angew. Störungen, 1864, II, S. 387 ff.; vgl. auch Heis, Wochenschr. f. Astronomie 1870, S. 115. Uber die Identität dieser Finsternis mit der des Ennius herrscht allseitiges Einverständnis; nur Unger, Die römische Stadtära, 1879(Separatabdruck aus den Abhandl. der bayer. Akad. d. Wiss. I. Cl. XV. Bd I. Abth.) S. 15— 17, will eine andere vom 2. Juni 390 vorziehen, zu Gansten seiner Annahme, dass die Schlacht an der Allia erst in 381 v. Chr. zu setzen sei.
*) Ideler, Handbuch d. math. u. techn. Chronologie, II(1826), S. 92; Hansen bei Huschke, Das alte römische Jahr und seine Tage(1869), S. 80. Huschke ist mit Ism. Bullialdus(in dessen Abhandlung hinter dem Gronovschen Livius ed. Stuttgard. Tom. XV, 1, 1643, p. 366— 377) der Ansicht,„dals damals eine so
roſse Discrepanz des Kalenders mit dem natürlichen Jahre nicht bestanden haben kann“, und behauptet, dals Lirius sich hier um zwei Jahre geirrt habe, ebenso wie er nachher(. 93 fl.) das livianische Datum a. d. III. non. Sept. V 586 für die Mondfinsternis des 21. Juni 168 v. Chr. in nona Cal. Cuintiles korrigiert. Er wird nämlich von der naiven Vorstellung beherrscht, es sei„natürlich“, dafs die Zeit des längsten Tages Juni, die des kürzesten Dezember heiſse, und daſs der' I. Jan. etwa acht Tage nach der Wintersonnenwende liege, welche natürliche Ordnung denn auch schon von dem trefflichen Numa gefunden worden sei.— Sonst ist alle Welt über die Identität obiger Data einig.
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