Aufsatz 
Das botanische Pensum der Tertia. Anhang: Übersicht der Klassen des Linné'schen Systems
Entstehung
Einzelbild herunterladen

,1. r 2

Pi 19 Nr. 24.2. Gludrae

Vorwort.

Bei der Abfaſſung vorliegenden Verſuches des erſten Kurſus eines Leitfadens für den Unter⸗ richt in der Botanik wurde Verf. von dem Beſtreben geleitet, ſeine methodiſchen Anſichten mit den praktiſchen Bedürfniſſen der Landwirtſchaftsſchulen in Einklang zu bringen und gleichzeitig den für den Unterricht berechtigten ſtreng wiſſenſchaftlichen Anforderungen Rechnung zu tragen. Der Mangel an Raum verbietet es leider, ausführlich auf die methodiſche Behandlung einzugehen; es können hier nur die leitenden Prinzipien Erwähnung finden, während Verf. bezüglich der Einzelheiten auf den Text ſelbſt verweiſt.

Es dürfte jetzt ziemlich allgemein anerkannt ſein, daß das Ziel des botaniſchen Unterrichts nicht das iſt, eine Menge toten Materials, eine Summe von Abſtraktionen in den Köpfen der Schüler aufzuhäufen, ſondern daß dieſer Unterricht, wie jeder andere, vielmehr die Aufgabe hat, die Geiſtes⸗ thätigkeit des Schülers anzuregen und auszubilden. Die zweite ebenſo wichtige Aufgabe iſt die, den Schüler ſehen zu lehren; mit dem ſelbſtändigen Beobachten muß die Übung Hand in Hand gehen, das Weſentliche vom Unweſentlichen zu unterſcheiden, das Gleichartige zuſammenzufaſſen und das Un⸗ gleichartige zu trennen. Erkennt man dieſe Prinzipien als richtig an, ſo muß man von vorn herein jedes ſyſtematiſche Vorgehen verwerfen. Wird die Morphologie in ſyſtematiſcher Reihenfolge abge⸗ handelt, wird das Pflanzenſyſtem gleich Anfangs fertig vor den Schüler hingeſtellt, ſo lernt er allen⸗ falls die Einteilungsprinzipien auswendig, vermag aber ihren Wert nicht zu beurteilen; er lernt nie begreifen, was eine Familie, eine Gattung, eine Art ſei, zumal es für dieſe Begriffe keine feſten Definitionen giebt. Wird aber auch dieſe Klippe vermieden, wird Morphologie und Syſtematik durch Betrachtung einzelner Pflanzen, durch Vergleichung näher oder entfernter verwandter Gewächſe ge⸗ lehrt, ſo kann dies wieder nur dann erfolgreich geſchehen, wenn der Lehrer nicht zuſammenhängend vorträgt, ſondern nur auf die Teile aufmerkſam macht, die betrachtet und verglichen werden ſollen, deren Eigentümlichkeiten, deren Gleich⸗ oder Ungleichartiges aber der Schüler ſelbſt auffinden muß. Namen und wiſſenſchaftliche Termini muß der Lehrer ſelbſtverſtändlich nach erfolgter Betrachtung an⸗ geben. Der vorliegende Text iſt daher ausſchließlich für die Repetition des in der Klaſſe Beſprochenen, nicht zum Gebrauch in der Klaſſe ſelbſt beſtimmt.

Bezüglich der Syſtematik muß ſich der Lehrer die größtmögliche Beſchränkung auferlegen. Es dürfte völlig ausreichend ſein, wenn von den Familien und Ordnungen der Phanerogamen nur die aller wichtigſten, dieſe jedoch ganz eingehend durchgenommen werden. Die Gattungs⸗, Fa⸗ milien⸗ und Ordnungscharaktere muß der Schüler ſelbſt finden.

Abbildungen hat der Verf. dem Texte nicht beigegeben. Es iſt wohl heutzutage eine berech⸗ tigte Forderung, daß jeder Lehrer der Naturkunde auch zeichnen könne, und wer das Erlernen dieſer Kunſt vernachläſſigt hat, der ſollte und kann es, ſoweit der Unterricht es erfordert, mit leichter Mühe nachholen. Abbildungen in einem botaniſchen Schulbuche ſind nach Meinung des Verf. völlig überflüſſig, ja geradezu ſchädlich, denn ſie lenken die Aufmerkſamkeit ab, während die ſelbſt gefertigte Zeichnung, die der Schüler an der Tafel entſtehen ſah, ſo feſt in ſeinem Gedächtnis haftet, daß er ſie ſelbſt ſpäter an der Tafel zu reproducieren vermag. Verf. kann nicht umhin, hier ganz beſonders die An⸗ wendung farbiger Kreideſtifte dringend zu empfehlen, die ja in den Univerſitätsauditorien bei den Vor⸗ leſungen über Anatomie und Hiſtiologie der Tiere ſchon lange im Gebrauch ſind. Die Zeichnungen ſind, ſo weit als möglich, ſchematiſch zu halten und Verf. zeichnet z. B. bei Blütendiagrammen die Kelchblätter durchgängig grün, die Kronenblätter rot, die Staubblätter gelb, die Fruchtblätter blau, was dem Schüler die Vergleichung ungemein erleichtert. Auch in der pflanzlichen Anatomie(ebenſo wie in der tieriſchen) laſſen ſich die Farben mit dem größten Vorteil anwenden.

Endlich noch Einiges über die Einrichtung des Textes, wie ſie nach Anſicht des Verf. den eben beſprochenen Grundſätzen zufolge und mit Rückſicht auf die Organiſation der Landwirtſchafts⸗ ſchulen geboten war.