Aufsatz 
Leitfaden über die Erziehung und Behandlung der Obstbäume
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Auch die Holzbildung geſchieht nicht immer auf dieſelbe Weiſe, und nach der Art derſelben unterſcheidet man: a. Mutter⸗ oder Leitzweige, b. Wurzeltriebe, c. Wuchertriebe, d. Laubaugen...

Unter Mutter⸗ oder Leitzweigen verſteht man die Zweige, die ſich aus den Augen des vorjährigen Triebes entwickeln. Kommen ſie aus den an der Spitze ſitzenden Augen hervor, ſo heißen ſie Hauptleitzweige; die aus den zur Seite ſtehenden Augen ſich entwickelnden Zweige heißen Nebenleitzweige. Erſtere bilden die Verlängerung der Hauptäſte und letztere die Nebenäſte. Nur ſie ſind als Edelreiſer zu benutzen.

Unter Wurzeltrieben verſteht man die aus den Seitenwurzeln hervor⸗ wachſenden Triebe. Sie entſtehen aus dem im Wurzelwerk geſtörten Safttriebe entweder durch gewaltſame Verletzung oder natürliche Anlage, und müſſen ſorg⸗ fältig von der ältern Wurzel abgenommen werden.

Unter Wuchertrieben verſteht man die ſich am ältern Holze erzeugenden Zweige, ohne vorher bemerkbare Augen. Sie bilden ſich durch Safthäufung, welche entweder durch Saftüberfluß oder durch Verſtopfung oder Zerſtörung der Saftkanäle erzeugt wird, und haben weitſteheude, gewühnlich ſchwache Augen und einen in die Höhe gehenden Wuchs. Oft kommen mehrere mit ſehr entfernten Augen an derſelben Stelle zum Vorſchein, dieſe heißen dann Waſſerſchoſſen. So lange man Hoffnung hat, den regelmäßigen Safttrieb in den Aeſten wieder herzuſtellen, werden die Wuchertriebe ſämmtlich abgenommen. Sollte die Saft⸗ ſtörung aber ſehr groß oder die Aeſte zur Weiterführung des Saftes gänzlich un⸗ tauglich ſein, ſo läßt man einzelne ſtehen, behandelt ſie wie Mutterzweige, ohne ſie in den erſten Jahren zu beſchneiden, und nimmt die kranken Aeſte ab.

Unter Laubaugen verſteht man die an den jungen Trieben ſich bildenden Erhebungen, in denen der Keim zu neuen Zweigen verborgen liegt. Durch ſie wird die natürliche Vergrößerung des Baumes bewirkt.